Tschetschenien – eine Erfolgsgeschichte? Wer hätte das gedacht nach zwei verheerenden Kriegen in den neunziger Jahren, nach dem Auszug der russischen Bevölkerung, einem ausgedehnten Guerillakrieg und der Zerstörung Grosnys unter Wladimir Putin. Der Kreml gibt selbstbewusst das Ende der Anti-Terror-Operation bekannt und zieht die Truppen ab. Die Macht in der Region gehört dem lokalen starken Mann Ramsan Kadyrow, Präsident des russischen Föderationssubjekts Tschetschenien.

Dank des Ölgeldes wirkt Grosny heute ein wenig wie die renovierte Allee der Kosmonauten in Berlin. Frisch getünchte Wohnburgen, Blumenrabatten vor Waschbetonästhetik, moderner Wohnungsbau im milden Frühlingslicht. Hat Wladimir Putin also Recht gehabt mit seinem brutalen Feldzug 1999? Musste man ordentlich draufhauen, um am Kaukausus blühende Landschaften zu schaffen?

Die Wirklichkeit hinterm frischen Waschbeton sieht anders aus. Ramsan Kadyrow, der Sohn des von einer Bombe zerrissenen Muftis von Tschetschenien, hat unter Putins Augen ein Peitschenregime errichtet. Die "Terroristen" um den Guerillaführer Schamil Bassajew wurden mit terroristischen Methoden bekämpft. Die internen tschetschenischen Gegner wurden einer nach dem anderen in die Luft gejagt, zuletzt ermordete ein Lynchkommando den Feldkommandeur Sulim Jamadajew in Dubai. In Grosny hat nicht ein von Frieden und Rechtsstaat inspirierter Führer die Republik für Moskau wieder aufgebaut. Ramsan Kadyrow ist ein Clanchef, der die konkurrierenden Clans mit aller Gewalt ausschalten durfte. Er hat dafür Waffen, Geld und moralische Unterstützung aus Moskau erhalten.

Wladimir Putin folgt damit einem alten russischen Herrschaftsprinzip. Die glatte Durchsetzung des zentralstaatlichen Willens in allen Teilen des Reiches scheiterte schon unter den Zaren.

Modernisierungsideen, hochfliegende Pläne von einer "Verbürgerlichung" des zaristischen Imperiums fraßen sich in einem weiten Feld der Kompromisse, Repression und Zugeständnisse an Lokalfürsten fest. Im fernen Sibirien, in den muslimischen Regionen an der Wolga, am Kaukasus gaben russische Zaren nach Eroberung und imperialen Paraden am Ende doch recht klein bei und ließen die Lokalfürsten gewähren. Vorausgesetzt, diese stellten die russische Herrschaft mit staatlichen Symbolen und auf der Landkarte nicht in Frage.