"Sofort, unverzüglich". Diese zwei Worte des SED-Politbüromitglieds Günter Schabowski vom 9. November 1989 lösten die Erstürmung der Grenze durch DDR-Bürger aus. Doch sie bedeuteten nicht nur, dass die verhasste Mauer fiel. Sie leiteten auch das Ende des Kalten Krieges und der jahrzehntelangen Blockkonfrontation ein. Es war ein  historisches Ereignis.

Allein schon deshalb wird jedes Detail, das diese bedeutenden Stunden markiert, von Historikern und Journalisten weiterhin penibel beleuchtet. Das wird auch mit der späten Schilderung des italienischen Journalisten Riccardo Ehrman so sein.

Insofern müssen die Geschichtsbücher möglicherweise um ein Detail ergänzt werden. Doch neu geschrieben – im Sinne von anders interpretiert – werden muss die Geschichte sicherlich nicht. Immerhin öffnet der Sachverhalt, dass der italienische Journalist der Nachrichtenagentur Ansa kurz vor der Pressekonferenz von einem SED-Funktionär angerufen und dringend gebeten wurde, die Frage nach dem Reisegesetz zu stellen, viel Raum für Spekulationen.

These 1: Das Ganze war eine von Schabowski und anderen SED-Leuten inszenierte Sache, bei dem der italienische Journalist nur eine Marionette war

Dem widersprechen die Beteiligten, Schabowski und Ehrman, vehement. Schabowski sagte dem Berliner Tagesspiegel, diese Annahme sei absurd. Er habe die Unterlagen ja dabei gehabt, um auf jeden Fall darüber zu informieren. Das geht auch aus seinem als Dokument überlieferten Sprechzettel für die Pressekonferenz hervor. Um die mögliche Brisanz der Mitteilung und die Aufmerksamkeit der Weltpresse zu mildern, wollte Schabowski die Nachricht ganz am Ende der Pressekonferenz unterbringen, fast wie beiläufig.

Ehrman wiederum weist die Vermutung, er könne von SED-Leuten benutzt worden sein, zurück. Seiner Ansicht nach hat den befreundeten Anrufer, den Generaldirektor der DDR-Nachrichtenagentur Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst (ADN), Günter Pötschke, das Motiv getrieben, dass sich etwas bewegen müsse, dass das Thema an die Öffentlichkeit müsse. Aber er selbst, Ehrman, hätte die Frage ohnehin gestellt, schließlich sei das Thema Reisegesetz in jenen Tagen heftig diskutiert worden.

Der Leipziger Medienwissenschaftler Rüdiger Steinmetz ist allerdings seit Jahren davon überzeugt, dass die Dramaturgie dieser Minuten vorbereitet war. Schabowski sei Medienprofi genug gewesen, um zu wissen: "Wenn er dies am Anfang der Pressekonferenz verkündet hätte, wäre diese erste vom DDR-Fernsehen live übertragene Veranstaltung für die Weltpresse gleich wieder zu Ende gewesen. Also musste ihm am Ende jemand ein Stichwort geben." Daher habe Schabowski einen britischen Journalisten, der eigentlich an der Reihe gewesen sei, übergangen und das Wort Ehrman erteilt. Schabowski sei auch von der Nachfrage nach dem Termin des Inkrafttretens der neuen Reiseregelung nicht überrascht worden. "Diese Nachricht sollte live in die Welt hinaus und nicht erst in den frühen Morgenstunden des 10. November, wie es geplant war."