In seinem früheren Leben war Ali Yigit ein Ziegenhirte. Für Städter-Ohren klingt das vielleicht romantisch, aber der 35-jährige trauert den vergangenen Zeiten kein bisschen nach. Romantik, sagt Ali, sei schon immer etwas für jene gewesen, die von der herrlichen Natur schwärmen, vom wirklichen Landleben aber keine Ahnung haben.

Heute wohnt Ali Yigit in einem komfortablen Appartement in Kalkan, einem ehemaligen Fischerdorf an der lykischen Küste. Wie die meisten hier arbeitet er im Tourismusgeschäft. Durch die obere Dorfhälfte hat sich die breite Durchzugsstraße gefressen, neben dem Verkehrslärm ist dort das Dröhnen von Baumaschinen zu hören. Kalkan hat sich während der vergangenen Jahre in rasendem Tempo verändert und will scheinbar unaufhaltsam weiter wachsen.

An diesem Morgen begleitet Ali eine Wandergruppe auf dem Lykischen Weg, der auch an Kalkan und Alis einstigem Heimatort Bezirgan vorbeiführt. Es ist kurz vor neun, die Sonne übergießt die bizarren Felsskulpturen oberhalb des Dorfes mit einem matten Kupferglanz. An der Uferpromenade streicht ein milder Wind durch die Palmen, draußen in der hufeisenförmigen Bucht blitzen Lichtperlen wie auf einer gigantischen zerbrochenen Spiegelfläche. Der Weg führt zunächst durch struppiges Macchiagebüsch, dann geht es im Zickzack, eingerahmt von dunklen Zedernwäldern, an einem steilen Bergrücken nach oben. Würziger Salbei- und Thymianduft erfüllt die Luft ringsum. Im Unterholz leuchten Anemonen und Veilchen, Bienen und Hummeln torkeln gierig von Blüte zu Blüte.

Google Maps: Die Route von Fethiye bis Antalya

Der Lykische Weg ist die erste Fernwanderroute der Türkei. Von Fethiye bis Antalya folgt er über gut 500 Kilometer den uralten Verbindungswegen zwischen den Dörfern. Wir haben uns einige Tagesetappen zwischen Kalkan und Fethiye vorgenommen. Dabei geht es abwechselnd durch einsame Gebirgsgegenden und am azurfarbenen Meer entlang. Überall unterwegs sind die Zeugnisse längst vergangener Kulturen zu sehen. Trotzdem ist nur wenig bekannt über jenes Volk, dessen Reich sich etwa zwischen dem heutigen Dalyan und Antalya ausdehnte, und von dem der "Likya Yolu" seinen Namen hat.