Wenn mit Beginn der Regenzeit Hunderttausende Gnus das Seronera-Plateau im Zentrum der Serengeti bevölkern, steigt Markus Borner in sein zebragestreiftes Flugzeug, so, wie es Bernhard Grzimek vor ihm gemacht hat. Der deutsche Veterinär und Verhaltensforscher war in den Fünfzigern der erste, der die wandernden Herden der Serengeti mit Hilfe von Luftaufnahmen kartierte und auf diese Weise herausfand, welchen Weg sie durch die Steppe im Norden Tansanias nehmen. "Heute fotografieren wir die Herden im Zehn-Sekunden-Takt mit einer hochauflösenden, elektronischen Kamera", erklärt Borner, der auch nach 32 Jahren in Afrika noch mit schwerem Schweizer Akzent spricht.

Die Luftbilder lädt Borner heute auf den Laptop, zählt die Gnus aus und rechnet ihre Zahl hoch. So lief es, wenn auch ohne Laptop und Digitalkamera, schon damals. "Auf 100.000 mehr oder weniger kommt es nicht an, Hauptsache, der Trend stimmt." Und mit dem ist Borner zufrieden. Seit Grzimeks erster Zählung, als eine Rinderpest die Zahl der Gnus und Zebras auf rund 150.000 dezimiert hatte, ist die Zahl allein der Gnus auf mehr als 1,2 Millionen gestiegen. "Ich glaube, Grzimek wäre sehr überrascht, wenn er sich das heute ansehen könnte."

Bernhard Grzimek wurde berühmt, weil er einer ganzen Nation die Tierwelt nahe brachte. 'Guten Abend, meine lieben Freunde', näselte er stets, bevor die Kamera aufzog und das Bild verriet, ob er heute einen Affen, einen Geparden oder ein Chamäleon mit ins Fernsehstudio gebracht hatte. Doch Grzimek, der am 24. April 100 Jahre alt geworden wäre, war nicht nur ein lieber Tierfreund. Er war ein beinharter Naturschützer, der seine Popularität zur Kampagne gegen Robbenschlachten, Legebatterien und Pelzmäntel nutzte - und für die Serengeti. Der Oscar-gekrönte Dokumentarfilm 'Serengeti darf nicht sterben' machte die Region weltberühmt und sorgte nicht zuletzt dafür, dass die junge tansanische Regierung einen großzügigen Nationalpark von der Größe Schleswig-Holsteins auswies.

Ein Visionär und Querdenker sei Grzimek gewesen, erinnert sich Borner, jemand, der sich nie vor einen fremden Karren spannen ließ und sagte, was er dachte. "Eines Tages saß er beim Tee mit Tansanias Präsident Julius Nyerere, und auf einmal beugte sich Grzimek vor, stieß Nyerere fast den Zeigefinger in die Augen und mahnte: Du musst etwas gegen die Rinderpest unternehmen, und zwar sofort!" Borner blieb das Herz stehen, doch nach einer Schrecksekunde schüttelten sich Grzimek und Nyerere vor Lachen. "Grzimek konnte agieren wie am Königshof der Hofnarr, der durfte dem Herrscher auch immer als einziger die ungeschminkte Wahrheit sagen."

Zudem sorgte Grzimek für das nötige Geld: Rund eine Million Euro fließen jährlich von der von Grzimek gegründeten Frankfurter Zoologischen Gesellschaft in die Serengeti. Als Borner 1984 samt Familie in die kleine Hütte einzog, in der er heute noch wohnt, wurde das Geld dringend gebraucht. "Die Ranger bekamen ohnehin wenig Geld, aber als ich kam, waren sie schon seit Monaten nicht bezahlt worden." Die Wildhüter hatten begonnen, zu wildern, um ihre Familien zu ernähren.