Es ist kurz vor halb zwölf, die Zuschauerbänke im Prozesssaal sind voll bis auf den letzten Platz. Die Verhandlung gegen Michail Chodorkowski und Platon Lebedew, die ehemaligen Hauptaktionäre des zerschlagenen Ölkonzerns Jukos, hätte vor einer halben Stunde beginnen sollen, aber noch immer schleppen die beiden Staatsanwälte Aktenordner um Aktenordner in den Verhandlungsraum. Die Männer tragen goldene Epauletten an ihren königsblauen Uniformen, sie wirken nervös. Sie wissen, dass sie heute improvisieren müssen. Russische Staatsanwälte improvisieren ungerne. Weil sie es nie gelernt haben.

Was heute in diesem Gerichtssaal geschehen wird, ist schwer zu erklären, weil es auch in Russland kaum noch jemand begreift – und weil die Vorgeschichte inzwischen mehr Aktenordner füllt, als zwei Männer in einer halben Stunde in einen Gerichtssaal tragen können.

Im Oktober 2003 wird Michail Chodorkowski auf dem Flughafen von Nowosibirsk in seinem Privatjet verhaftet. Schwer bewaffnete Geheimdienstler nehmen ihn in Gewahrsam, der Vorwurf lautet auf Steuerhinterziehung und Betrug in besonders schwerem Ausmaß. Im Mai 2005 beginnt der Prozess: Chodorkowski wird zu acht Jahren Haft verurteilt, sein Konzern Jukos – damals eines der erfolgreichsten russischen Unternehmen – wird zerschlagen. Den Löwenanteil heimst bei einer umstrittenen Auktion die staatsnahe Konkurrenz ein: der Ölkonzern Rosneft. Chodorkowski vermutet Rache: Er hatte Oppositionsparteien unterstützt und sich mit Bildungsprogrammen in die Erziehung künftiger Wähler eingemischt.

Auch der Westen und die liberale Opposition in Russland wittern politische Hintergründe – denn bei der Privatisierung von Staatseigentum in den 90er Jahren hatte nicht nur Chodorkowski seine Kontakte zu korrupten Beamten genutzt, um Filetstücke der Sowjetwirtschaft zu Dumpingpreisen in seinen Besitz zu bringen. Alle anderen Oligarchen aber, die viele Russen gerne ebenfalls auf der Anklagebank gesehen hätten, durften ungestraft weiterwirtschaften – allein Chodorkowski landete im Gefängnis.

Damit nicht genug: Im Herbst 2007 – Chodorkowski hat in einem ostsibirischen Straflager gerade die Hälfte seiner Haftzeit verbüßt und damit das Recht, ein Gnadengesuch zu stellen – wird ein zweites Verfahren gegen ihn eröffnet, wegen Geldwäsche und neuer Betrugsvorwürfe. Der Streitwert ist astronomisch: Chodorkowski und sein Juniorpartner Platon Lebedew sollen Erlöse aus dem Ölexport in Höhe von fast 17 Milliarden Euro mit fragwürdigen Mitteln legalisiert haben, zusätzlich wirft man ihnen vor, sie hätten Aktien und Rohöl im Wert von knapp 20 Milliarden Euro unrechtmäßig erworben.

Am 3. März hat in Moskau der zweite Prozess begonnen. Erkennt das Gericht Chodorkowski für schuldig, kommen zu den acht Jahren aus dem ersten Verfahren weitere 14 Jahre hinzu. Die Gefängnistore würde sich dann für ihn erst wieder öffnen, wenn er 63 Jahre alt ist. Im Durchschnitt sterben russische Männer – auch solche, deren Gesundheit nicht im Gefängnis gelitten hat – mit 57.

11 Uhr 31 Uhr, noch immer laufen die Staatsanwälte mit Aktenordnern hin und her. Die Nervosität der Männer habe einen einfachen Grund, sagt der Schriftsteller Boris Akunin, ein prominenter Regimekritiker, der seinen schwer erkämpften Platz im Saal nicht aus den Augen lässt. "Russische Staatsanwälte haben ihr Handwerk verlernt. Unter Putin mussten sie nichts mehr beweisen, weil das Urteil vorher feststand." Diesmal aber sind keine Anweisungen von oben erkennbar.