In einer Zeit, in der sich Wirtschaftsinstitute, Medien und Gewerkschaften gegenseitig mit Katastrophenszenarien überbieten, scheint es unangebracht, noch eine weitere Schwarzmalerei hinzuzufügen. Aber es ist an der Zeit, eine Warnung nach Berlin zu schicken. Es geht um die Türkei und die Türken in Deutschland. Vorweg aber zwei gute Nachrichten. Da die Gewerkschaften und SPD-nahe Kreise nun schon mit Lust an der Apokalypse soziale Unruhen vorhersagen, sei hier mit mindestens demselben Wahrscheinlichkeitsfaktor vorhergesagt: Die deutschen Türken werden sich daran nicht beteiligen. Sie sind ein sehr konservativer Menschenschlag, sie wollen vor allem Ruhe, nicht Unruhe, dafür sind sie nach Deutschland gekommen.

Zweitens ist ihr Heimatland, die Türkei, ein bodenständiges Land, das traditionell nach Ruhe im Inneren und Äußeren strebt. Früher war es Friedhofsruhe, heute - unter der konservativen Regierung von Premier Tayyip Erdo gan - dominiert eher der gezielte Versuch, einen Ausgleich mit den Nachbarn des Landes herzustellen. Es ist seiner Regierung gelungen, die Fast-Kriegszustände mit Griechenland und Syrien zu beenden, ein Freundschaftsverhältnis zum neuen Irak aufzubauen. Teilweise waren Erdogans Vorgänger schon daran beteiligt, doch das bestätigt nur den Trend. Dieser kulminiert nun in den intensiven Verhandlungen mit Armenien über eine Grenzöffnung. Es ist also nicht zwangsläufig, mit der Türkei Zoff zu haben.

Hier kommen wir nun zur angekündigten Warnung. Leider nämlich verstrickt sich die Bundesregierung, vor allem ihre konservative Hälfte mit CDU und CSU, immer mehr in einen Streit mit der türkischen Regierung und der ganzen Türkei. Alles begann mit der schrägen Auffassung der Unionsparteien, sie seien ganz besonders ehrlich, wenn sie den Türken sagen, dass niemand sie in der EU haben will. Das stimmt zwar nur zur Hälfte, aber CDU und CSU behaupten das einfach mal so mit voller Inbrunst. Um das Nein zur Türkei abzumildern, wollen sie sie mit einem Wortmonstrum namens "Privilegierte Partnerschaft" besänftigen. Dieses gilt nur in Ankara mittlerweile als Freifahrtschein zur Hölle. Und das wiederum liegt an den Unionsparteien.

Denn in den vergangenen Jahren gab es kaum einen Wahlkampf, in dem CDU oder CSU nicht das Thema Türkei hochzogen und um deutsche Stimmen mit einem vielfach geträllerten Nein warben: Zur Türkei in der EU, zu gewaltbereiten türkischen Jugendlichen, zu Kopftüchern, zu muslimischem Brauchtum. Mittlerweile scheint es fast so, als sei der restkonservative Kern der inzwischen sozialpopulistisch vergröberten Unionsparteien auf das Nein zum Türkentum in jeder Form reduziert.

Beleg dafür ist das Programm der CDU und CSU für die Europawahl, das den Türkeibeitritt zur EU heftig und dringend ablehnt, obwohl dieser derzeit gar nicht auf der Tagesordnung steht. Weitere Hinweise geben die Ausfälle von Unionspolitikern gegen den türkischen Premier Tayyip Erdogan. Der hatte vor wenigen Jahren mit Spaniens Ministerpräsidenten und dem UN-Generalsekretär eine Allianz der Zivilisationen ins Leben gerufen. Es ist ein Forum, auf dem Muslime, Christen und andere Religionen diskutieren, einander besser verstehen, gemeinsam essen und mit gutem Karma wieder auseinander gehen.

Dieses Forum soll nun am 10. Mai den Avicenna-Toleranz-Preis bekommen. Der Generalsekretär der Allianz, ein Portugiese, soll die Auszeichnung in Frankfurt entgegennehmen. Das harmlos-friedliche Ereignis benutzten der CSU-Generalsekretär Dorint und der CDU-Vize Bosbach nun zu furiosen Angriffen auf Tayyip Erdogan. Der Mann stehe für Intoleranz, Fanatismus und verhinderte Integration und dürfe den Preis niemals bekommen. Die Forderung lief ins Leere, weil er ihn ja eh nicht bekommen sollte, sondern die Allianz.

Was bleibt, ist der verbale Angriff auf einen fremden Regierungschef. Er bekommt zusätzlichen Sprengstoff dadurch, dass Kanzlerin Merkel und Erdogan in der Nato unnötigerweise gegeneinander arbeiten. Erdogan war bekanntermaßen gegen Merkels Lieblingskandidaten für den Nato-Generalsekretärsposten, den dänischen Premier Rasmussen. Nach Vermittlung durch US-Präsident Barack Obama einigte man sich schließlich doch auf Rasmussen, dem nach der Absprache mit Obama ein türkischer Vize zur Seite gestellt werden sollte. Nach der Abmachung will Merkel nun aber darüber nicht informiert worden sein. Aus Brüssel ist zu hören, dass sie zusammen mit dem erklärten Türkei-Gegner Sarkozy aus Paris den türkischen Vize blockieren wolle. Wenn diese Nachricht stimmt, werden sich die deutsch-türkischen Beziehungen weiter eintrüben. Und das wird Folgen haben.

Mit jedem Zwist dieser Art, mit jedem neuen Angriff auf türkische Politiker, mit jedem populistischen Unionswahlkampf gegen die Türkei fühlen sich Deutschtürken und Türken in Deutschland weiter in die Ecke gedrängt. "Was haben die gegen uns?", fragen sich auch jene Türken, die längst einen deutschen Pass haben, jene, die niemals Erdogan wählen würden. Es ist schwer vorherzusagen, welche Konsequenzen diese fahrlässige bis mutwillige Beschädigung der deutsch-türkischen Beziehungen durch die Unionsparteien haben wird. Deshalb sagt diese Kolumne auch keine sozialen Unruhen der Türken voraus. Nur lässt sich vielleicht das wahre Hindernis für die Integration der Türken in Deutschland benennen. Es heißt nicht Tayyip Erdogan, sondern CDU/CSU.