Guten Tag allerseits! Herzlich willkommen in der Mehrzweckhalle in Tijuana zum 33. Bob Dylan-Beschreibungswettbewerb. Auch in dieser Woche haben sich die Musikkritiker der Welt zusammengefunden, um Bob Dylans neues Album Together Through Life zu besprechen. Wirklich alle sind gekommen, die Ränge sind gefüllt. Zuvor schon wurde hitzig diskutiert: Wird Dylan die Canterbury Tales rückwärts zitieren? Bei welchem Bluesmusiker hat er sich diesmal die Akkorde ausgeliehen? Was hat das Plattencover zu bedeuten, und welchen Badezusatz verwendet er? Befindet sich Dylan etwa "auf dem Höhepunkt der mexikanischen Phase", wie es Max Dax in der deutschen Popzeitschrift Spex behauptet? Und welche Phase kommt danach? Die tadschikische? Die guatemaltekische? Fragen, die beantwortet werden wollen.

Es geht los. Die Spannung ist unerträglich. Den Anfang macht Alexis Petridis vom britischen Guardian: "Das enorme Missverhältnis zwischen den Alben, die Dylan in den letzten Jahren gemacht hat und der kritischen Reaktion, die sie auslösten, ist wie die Musik eine ganz eigene Geschichte." Interessanter Einstieg. Das Publikum wartet noch ab. "Es gibt vieles, was Together Through Life großartig macht […]", schreibt Petridis. Applaus. "Wer ein lebensveränderndes künstlerisches Statement von Leuten erwartet, die spielen als stünde ihr Haar in Flammen, kommt zu kurz […]." Erste Unruhe im Publikum, Mundharmonikas fliegen. "Die Realität ist weniger aufregend, wie Together Through Life – weder Meisterwerk noch Desaster – zeigt." Petridis gibt drei von fünf Sternen. Tumulte auf den Rängen! Die Dylanologen sind kaum noch zu halten. "Halt deinen Mund und iss deine Cornflakes, Mr. Petridis", schreit ein Fan.

Als Nächstes ist David Fricke vom Rolling Stone an der Reihe. Er hat es jetzt schwer. Das Publikum ist sichtlich aufgebracht. "Dylan, der im Mai 68 Jahre alt wird, klang nie verwüsteter, genervter und lüsterner als auf Together Through Life." Das war knapp. Erleichterung auf den Rängen. Viele kehren zurück auf ihre Plätze. Fricke kommt in Fahrt: "Es ist eine düster klingende, oft verblüffende Platte." Stürmischer Applaus. "Es ist ein Portrait eines hässlichen Amerikas, das in einen brutalen Darwinismus abgeleitet – der kaltherzigste und gemeinste überlebt – und Dylan reibt es einem schmerzhaft unter die Nase." Ein Raunen geht hier durch die Halle. Jetzt kann Fricke den Sack zumachen. "'It’s all good', singt Dylan immer wieder, wie mit einem gemeinen Achselzucken in der Stimme, wissend, dass es verdammt noch mal nicht so ist." Vier von fünf Sternen! Die Halle bebt. Das wollten die Fans hören. Fricke wird mit stehenden Ovationen verabschiedet.

Was haben die deutschen Kritiker zu bieten? Edo Reents von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat Together Through Life zur CD der Woche ernannt. La-Ola. Reents setzt alles auf eine Karte: "Der erste Eindruck ist: vielleicht etwas zu viel Akkordeon." Oha. Werden die Fans das schlucken? "Dass Bob Dylan nun gewissermaßen ein Bad im Rio Grande nimmt, war nicht direkt vorauszusehen, aber sonderlich überraschend ist es auch nicht", sagt Reents. Es gibt Pfiffe. Reents gerät jetzt unter Druck. "Diese Platte stellt zufrieden, ist interessant, hinterlässt aber auch ein wenig Ratlosigkeit". Es wird eng. "Wir müssen damit leben. Dylan selbst tut es ja auch." Halbwegs rettet sich der Autor in die Zweideutigkeit. Mehr als höflicher Applaus ist hier nicht drin.