"Dies Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält..." Friedrich Hebbel

Als der norddeutsche Dramatiker und Wahlwiener Friedrich Hebbel, ein knappes Jahr vor seinem Tod, auf diese vieldeutige Weise Österreichs Rolle auf dem Globus beschrieb, tat er das in Zuneigung für die damals an Bedeutung verlierende zentraleuropäische Großmacht und voller Respekt. Der unheimliche prophetische Gehalt war freilich damals, anno 1862, noch nicht so deutlich zu erkennen.

Heute ist das einfacher. Hebbels idyllisches Bild vom Laboratorium Österreich muss man aktuell als dringende Warnung lesen, auch wenn sie vielleicht schon zu spät kommt. Passt auf, was in Österreich passiert, kann auch bei euch passieren: von politischer Einfalt über Rechtspopulismus und Xenophobie zu Europaverdruss und Demokratiemüdigkeit. Alles, was da gerade probiert wird, kann überall zum Erfolg werden.

Zum Beispiel demnächst, bei der Europawahl. Nur 21 Prozent der Österreicher, die neuerdings ab dem 16. Geburtstag wahlberechtigt sind, haben derzeit die Absicht, an der Europawahl am 7. Juni teilzunehmen. Dieses Umfrageergebnis von Anfang April sorgte für viel Aufmerksamkeit, vor allem unter den zwar nicht mehr ganz so großen, aber immer noch führenden Volksparteien der rechten und linken Mitte. Und dies nicht nur in Österreich. Vom flächendeckenden Desinteresse an Europa im Allgemeinen und der Politik im Besonderen sind die Traditionsparteien in Wien wie auch in anderen Hauptstädten betroffen. Sie scheinen dabei zu übersehen, dass sie selbst zu dieser fatalen Entwicklung beigetragen haben. Ihr Machtanspruch, ihre Bürgerferne, vor allem auch ihre entschlossen gegen alle Herausforderungen verteidigte Selbstbedienungs- und Privilegienmentalität waren und sind die Basis für den Aufstieg jener populistischen Provokateure, die ihnen heute in fast allen europäischen Staaten von Wahl zu Wahl mehr Angst einjagen.

In Österreich sind es die beiden Rechtsparteien, die der im vergangenen Jahr tödlich verunglückte Jörg Haider hinterlassen hat, die jetzt bei der Europawahl wieder vom Frust der entfremdeten Bürger entscheidend profitieren dürften. Die Politikmüden und Enttäuschten bleiben daheim, die Zornigen gehen an die Urnen. Das ist die Mischung, die drastische Wahlergebnisse schafft.

Gespräche in Wien, geprägt von Resignation oder Defätismus, bestenfalls von Ironie oder Spott: Die politische Mitte, das hört man immer wieder, werde weiter bröckeln, die Rechten – Jörg Haiders zerstrittene Erben – hätten unveränderten Zulauf. Die demokratischen Volksparteien, die in Österreich seit ein paar Jahren wieder in einer kleinen "Großen Koalition" regieren, "die Roten" und "die Schwarzen", würden es auch nicht besser verdienen. Denn abgesehen von allen Fehlern und Versäumnissen, die sie sich in der Politik insgesamt leisteten: Dass Europa als Projekt sie wirklich interessierte, das ließen Sozialdemokraten und Christdemokraten nicht erkennen. Faszination für Europa geht von ihnen in der Tat nicht aus.

Von den Rechten auch nicht. Aber dafür umso mehr Wirkung. Die Wahlwerbung der Rechtspopulisten um FPÖ-Chef Heinz-Christian ("H-C") Strache ist eine makabre Erfolgsmischung vom Stil der Billigketten: primitiv, derb, eingängig, angepriesen in politischer Stammtischlyrik für Grobschmecker. Kostproben: "Echte Volksvertreter statt EU-Verräter". "Für Österreich da, statt für EU & Finanzmafia". "Soziale Wärme statt EU für Konzerne". "Abendland in Christenhand". Und dazu das Motto zum 7. Juni: "Tag der Abrechnung." Man ahnt, warum "der H-C", Held vor allem der männlichen Jungwähler, für viele Rechte Österreichs der Hoffnungsträger für ein berlusconisiertes Europa ist und zum Alptraum der etablierten und erschöpften Demokraten wurde.