Auf der Bowery, der Punkrock-Straße im südlichen Manhattan, ragt seit Kurzem ein Stapel riesiger weißer Schuhkartons in den Himmel. Der Schuhkartonstapel, höher als alle angrenzenden Gebäude, ist die neue Heimat des New Museum of Contemporary Art. Dort wird in unmittelbarer Nachbarschaft des ehemaligen Rocker-Schuppens CBGB, in dem die Ramones den Punk erfanden, seit einem Jahr die aktuellste, modernste, zeitgenössischste Kunst der Stadt gezeigt. Zurzeit ist in der Schuhkartonhalle die Schau "The Generational" zu sehen, was sich am besten mit "Generationale" übersetzen lässt, denn das einzige verbindende Element der ausgestellten Werke ist das Alter: Keiner der Künstler ist über 33 Jahre alt. So alt war Jesus, als er starb und deswegen lautet der Untertitel der Ausstellung "Younger Than Jesus".

Inhaltlich hat der Bezug auf den Heiland keine Bedeutung, höchstens was die globale Wirkung angeht. Laut den Kuratoren wird diese Altersgruppe in Zukunft weltweit einen großen Einfluss auf das kulturelle und gesellschaftliche Leben nehmen - allein schon, weil es so viele von ihnen gibt: In den USA ist diese kommende Generation die zahlreichste seit den Baby Boomern, in Indien ist gar die Hälfte der Bevölkerung unter 25 Jahre alt. Experten nennen diese neue Bevölkerungswelle "the Millennials", "Generation Y" oder auch "iGeneration". In Deutschland heißt sie wohl Generation Praktikum.

Bis jetzt, sagt die Kuratoren, wisse man nicht viel über diese jungen Leute, außer ihrem Konsumverhalten. Mit "The Generational" soll nun das erste Mal gezeigt werden, wie diese Unter-33-Jährigen die Welt sehen und künstlerisch verarbeiten. Nach dem Auftakt soll es alle drei Jahre eine Neuauflage von "The Generational" geben.

Um zu einer repräsentativen Auswahl zu kommen, haben die Kuratoren in bester Facebook-Manier ein weltweites Netzwerk von 150 "Korrespondenten" aus dem Kunstbetrieb gespannt, die 500 junge Künstler aus der ganzen Welt ausgewählt haben. Davon entschied sich das Ausstellungsteam für 50 Repräsentanten aus 25 Ländern, die nun im New Museum auf der Bowery zu sehen sind. Die restlichen 450 werden aber nicht vergessen. Im Katalog zu "The Generational" sind alle Künstler mit ihren Werken aufgeführt – ein Reiseführer durch die kommende Künstlergeneration.

Und die hat anscheinend ziemlich viel Humor. Die Amerikanerin Liz Glynn etwa baute innerhalb von 24 Stunden ein Pappmodell von Rom auf und bewies somit, dass die italienische Hauptstadt eben doch an einem Tag erbaut wurde. Danach wurde die Modellstadt ganz Nero-mässig abgebrannt. Das Künstler-Duo Aids-3D, bestehend aus Daniel Keller und Nik Kosmas, baute ihrer Generation einen Altar: Einen schwarzen Obelisken mit den illuminierten Lettern "OMG", was in der SMS-Sprache für "Oh, mein Gott!" steht. Die beiden Künstler, gerade einmal 23 Jahre alt, trafen sich in einer Kunsttherapiesitzung für Problem-Jugendliche, seit kurzem leben sie in Berlin.

Neben dem ironischen Einschlag scheint es aber kaum etwas zu geben, das die Millenials verbindet. Sehr private Werke, wie das Video der Tschechin Katerina Seda, die ihre depressive Großmutter bei der Therapie begleitete, werden neben Arbeiten wie Desniansky Raion gezeigt. In diesem Filmessay verbindet der 29-jährige Franzose Cyprien Gaillard Aufnahmen von einer Schlägerei zwischen russischen Hooligans, einer Sprengung eines französischen Wohnblocks und eines Flugs über desolate Hochhäuser aus der Sowjet-Zeit zu einer wuchtigen Gesellschaftskritik.

Ein verbindendes Thema oder eine gemeinsame Haltung zeichnet sich in dieser Künstlergeneration noch nicht ab. Aber das kann sich ändern. Sie sind ja noch jung.

Die Ausstellung "The Generational: Younger than Jesus"ist noch bis 7. Mai im New Museum zu sehen.