ZEIT ONLINE: Für Ihr Buch Deutschland Dritter Klasse haben Sie sich in den letzten vier Jahren ausführlich mit dem Thema Arbeit - oder vielmehr Arbeitslosigkeit - beschäftigt. Mit welchem Ergebnis?

Julia Friedrichs: Die meisten Leute, die wir begleitet haben, hatten entweder gar keine Arbeit, befanden sich in künstlichen Arbeitsverhältnissen wie Ein-Euro-Jobs oder ihre Arbeit erfüllte ihren eigentlichen Zweck nicht, weil sie nicht davon leben konnten.

ZEIT ONLINE: Sie beginnen mit Ihren Beobachtungen am 1. Januar 2005 – dem Tag der Einführung von Hartz IV. Warum gerade dann?

Friedrichs: Durch Hartz IV sind viele Menschen in eine Art Parallelwelt geraten. Menschen, die einmal zur gesellschaftlichen Mitte gehört haben, erleben das am drastischsten. Ein Mann, der über 560 Bewerbungen geschrieben hat, sagte mir, er könne sich nicht mal mehr mit seinen Freunden zum Kartenspielen treffen. Das liegt nicht daran, dass er sich Essen und Bier nicht leisten kann, das könnten ja auch seine Freunde übernehmen. Aber er kann es nicht mehr ertragen, wenn er gefragt wird: "Und, wie sieht es aus bei dir? Hast du etwas gefunden?" Hartz IV bewirkt auch ein psychologisches Ausgeschlossensein.

Eva Müller: Man muss nur einen normalen Tagesablauf durchgehen: Arbeiten, Einkaufen, Freizeit - all diese Beschäftigungen finden für arme Menschen abseits der Mitte statt. Sie haben Ein-Euro-Jobs, gehen in so genannten sozialen Warenhäusern einkaufen, die Kinder besuchen häufig Förderschulen.

ZEIT ONLINE: Eine dieser Förderschulen in Wattenscheid haben Sie besucht – und erfahren, dass die Kinder dort schon auf ein Leben mit Hartz IV vorbereitet werden.

Müller: Der Direktor sagte uns, dass das Problem nicht die Schule sei, sondern das, was die Schüler danach erwartet. Daher würde man sie im Unterricht schon auf ein Leben mit staatlicher Hilfe vorbereiten. Die Lehrer haben den Schülern zum Beispiel gesagt, sie müssten damit rechnen, in beengtem Wohnraum zu leben. Daraufhin gingen die Mädchen und Jungen auf den Schulhof und zeichneten mit Kreide eine 40-Quadratmeter-Wohnung auf und überlegten, ob es sich überhaupt lohnt, einen Esstisch zu kaufen. Man könnte ja auch auf dem Sofa essen.

ZEIT ONLINE: Wie haben die Schüler darauf reagiert?

Müller: Einige haben resigniert und die Schule geschwänzt. Eine unserer Protagonistinnen, Andrea, hat aber gesagt: es ist mir egal, was alle sagen, ich will auf jeden Fall eine Ausbildung machen. Das fand ich sehr beeindruckend.

Friedrichs: Wir haben einige Menschen getroffen, die mehr Antrieb hatten als wir selbst. Eine Frau hat in Berlin für ein Unternehmen gearbeitet, das Essen auf Rädern anbietet. Sie hat 43 Cent pro ausgeliefertes Essen bekommen. Ich würde nicht für 3,50 oder 4 Euro in der Stunde durch die Stadt rasen und versuchen, so schnell wie möglich alles zu verteilen. Weil ich auch weiß, wie schnell 3,50 Euro wieder weg sind.

ZEIT ONLINE: Welche Reaktionen haben Sie von Arbeitgebern bekommen?

Boris Baumholt: Die erschreckendste Aussage kam von dem Arbeitgeber der Essens-Ausfahrerin. Er sagte uns: Die Mitarbeiter verdienen Geld und über Geld spricht man nicht. Damit war für ihn das Thema abgeschlossen, und es war ihm völlig gleichgültig, wie es den Leuten in seinem Betrieb geht. Unserer Gesprächspartnerin hat es den Job gekostet, weil ihr vertraglich untersagt war, über ihr Gehalt zu sprechen. Aber sie hat gesagt: Ich muss darüber sprechen, das hilft vielleicht denjenigen, die nach mir kommen. Mittlerweile ist sie ausgewandert nach Österreich und verdient dort zehn Euro pro Stunde.

ZEIT ONLINE: Inwiefern hat die Finanzkrise die Situation auf dem Arbeitsmarkt Ihrer Erfahrung nach verschärft?

Baumholt: Besonders aufgefallen ist es mir beim Thema Leiharbeit. In den vergangenen vier Jahren hat die Branche geboomt. Seit letztem Jahr haben viele Leiharbeiter ihren Job verloren und der Druck auf die übrigen, irgendeinen Job anzunehmen, ist deutlich gestiegen. Im vergangenen Jahr haben 6,5 Millionen Menschen im Niedriglohn-Bereich gearbeitet, das ist jeder fünfte in Deutschland. Wenn diese Zahl weiter wächst, stellt das auch eine Gefahr für unsere Gesellschaft dar.

ZEIT ONLINE: Welcher Fall hat Sie am meisten mitgenommen bei Ihren Recherchen?

Friedrichs: Wenn ich mit Kindern zu tun hatte. Du siehst Kleinkinder, die erst ein paar Monate alt sind und du weißt: wenn sich nichts ändert, dann werden sie später in derselben Situation sein wie ihre Eltern. Und sie können nichts dafür.

Müller: Ich fand es auch erschreckend, wie sehr man die Unterschiede schon bei kleinen Kindern merkt: Ein kleines Mädchen, dessen Familie wir regelmäßig besucht haben, hatte nur eine Plastikflasche zum Spielen. Als sie dann mit ihrer Mutter einmal in den Kindergarten gegangen ist, gab es dort ein Bälleparadies. Und das Kind ist fast explodiert vor Freude, als es diese Bälle gesehen hat. Da merkt man erst, was da fehlt.

ZEIT ONLINE: Haben Sie das Gefühl, dass wir in einem ungerechten Staat leben?

Friedrichs: Auf jeden Fall leben wir in einem Staat, in dem man nicht die Gleichung aufmachen kann: Wer sich bemüht, der schafft es auch. Für einige Leute gilt das nicht. Und das ist ungerecht.

Die Fragen stellte Carolin Ströbele

Das Buch der drei Journalisten: "Deutschland Dritter Klasse" © Hoffmann und Campe

Julia Friedrichs, 29, schrieb 2008 den Bestseller "Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von Morgen"; als Autorin schreibt sie unter anderem für das ZEITmagazin

Eva Müller, Jahrgang 1979, arbeitet als freie Journalistin vor allem für Monitor und die WDR-Redaktionen "Die Story" und "Aktuelle Dokumentation". Für den Film "Abgehängt. Leben in der Unterschicht" wurden sie und Julia Friedrichs mehrfach ausgezeichnet

Boris Baumholt, 33 Jahre, ist Autor zahlreicher ARD- und WDR-Reportagen und Dokumentationen, darunter "Die Billigarbeiter - Leben ohne Mindestlohn" und "Gestern Auszeit, heute Vollzeit - Welche Jobs schafft Zeitarbeit".

Das Buch der drei Autoren "Deutschland Dritter Klasse - Leben in der Unterschicht" ist beim Verlag Hoffmann und Campe erschienen