ZEIT ONLINE: Seit Jahren warnen Wissenschaftler davor, dass bestehende Grippe-Viren zu einem pandemischen Erreger mutieren könnten, der weltweit tausende Menschen tötet. So ein Erreger kann aus Vogelgrippe-Viren, aber zum Beispiel auch aus Schweinegrippe-Viren hervorgehen. Ist in Mexiko jetzt genau dieser Fall eingetreten?

Thomas Mettenleiter: Zumindest ist jetzt ein Virus aufgetaucht, das neu ist und sich relativ gut von Mensch zu Mensch überträgt. Allerdings liegt der Fall hier anders als bei der Vogelgrippe. Die Vogelgrippe ist eine reine Tierseuche, die nur gelegentlich und bei intensivem Kontakt zu den Tieren auf den Menschen übergeht. Die A/H1N1-Variante aus Mexiko ist dagegen ein humaner Grippeerreger, der weltweit bisher noch nie vom Tier isoliert wurde. Nur in dessen Erbgut sind Merkmale von Viren enthalten, die auch Schweine und Vögel befallen. Deshalb ist auch der Name "Schweinegrippe" irreführend. Man sollte hier eher von der "Amerikanischen Grippe" sprechen.

ZEIT ONLINE: Wie gefährlich schätzen sie den A/H1N1-Erreger ein, der auch in den USA und bei einem Patienten in Spanien nachgewiesen wurde?

Mettenleiter: Das lässt sich schwer beurteilen. In den USA ist das Virus bereits untersucht – und es reagiert auf die Wirkstoffe Oseltamivir (Tamiflu) und Zanamivir (Relenza). Im Notfall kann man Patienten also damit behandeln. Im Moment haben wir es mit zwei Szenarien zu tun: Zum einen gibt es in Mexiko eine ganze Reihe von Todesfällen – das H1N1-Virus wurde allerdings nur bei sehr wenigen Patienten dort bestätigt. In den USA dagegen gibt es 20 nachgewiesene Fälle, die alle recht harmlos verlaufen sind. Da wir nicht genau wissen, wie die Bedingungen in Mexiko sind und wie viele Menschen sich infiziert haben, lassen sich daraus bisher kaum Schlüsse ziehen, wie aggressiv der Erreger ist.

ZEIT ONLINE: Könnte es durch den neuen H1N1-Erreger zu einer Pandemie kommen, die mit dem Ausbruch der Spanischen Grippe in den Jahren 1918 bis 1920 vergleichbar wäre?

 Mettenleiter: Bei den großen Grippe-Epidemien in der Geschichte war es immer so, dass sich auch das Eiweiß Hämagglutinin verändert hat. So gehörte die Spanische Grippe zum Typ H1, die Asiatische Grippe Ende der fünfziger Jahre zum Typ H2 und die Hongkong-Influenza 1968 zum Typ H3. In diesem Fall handelt es sich um H1N1, also eine Variante eines bereits bekannten Erregers. Insofern könnte der Mensch dagegen zumindest teilweise gewappnet sein – eventuell helfen auch die bisher vorhandenen Impfstoffe zum Teil gegen die neue Form.

ZEIT ONLINE: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Menschen in Mexiko an der neuen Grippe-Variante sterben, während sie in den USA bislang glimpflich verläuft? Könnte es sich um zwei verschiedene Erreger handeln?