Es ist, als wäre nichts geschehen. Wie vor einem Jahr rollen die teuren Jeeps an diesem Samstagmittag Stoßstange an Stoßstange Reykjavíks Haupteinkaufsstraße Laugavegur entlang. Die Boutiquen, die Prada, Boss und teure Wanderkleidung verkaufen, gibt es auch noch. Kaum etwas deutet darauf hin, dass dies die Hauptstadt eines Landes ist, deren Wirtschaft vor sechs Monaten zusammengebrochen ist.

Binnen weniger Tage verstaatlichte die Regierung damals, im Oktober 2008, die drei größten Banken des Landes. Seither sind riesige Schuldenberge aufgetürmt worden. Die Arbeitslosigkeit ist von weniger als zwei auf knapp zehn Prozent nach oben geschnellt. Weite Teile der Bevölkerung hat das hart getroffen. Viele haben den Job verloren oder Schulden gemacht, die den Wert ihrer Immobilie übersteigen. Oder beides. Etliche der Geländewagen, die nun die Laugavegur entlang rollen, werden von den Besitzern nur noch gefahren, weil sie keiner kaufen will.

Und doch sind die Isländer mittlerweile wieder recht guter Dinge. Das Land erholt sich. Auch die Inhaber von Läden profitieren von den Touristen, die Dank des schwachen Kurses der Krone die Folgen des heimischen Nachfragerückgangs abschwächen.

"Natürlich hat die Krise viele von uns hart getroffen. Auch mich, aber was soll man machen", sagt der Elektriker Arni. Er sitzt in einem Kaffee in einer Seitenstraße zum Laugavegur und genießt ein Bier. Verdammt gut habe er auf dem Bau verdient. "Bis ich im Herbst meinen Job verloren habe. Das ist ärgerlich, gibt mir aber die Chance meine Ausbildung zu beenden", sagt er. Zum Glück hat er keine Wohnung gekauft und deshalb keinen Kredit im Nacken, den er begleichen muss.

Weil die Nachfrage nach Arbeitskräften in Boomzeiten enorm war, fanden sogar Leute ohne klassische Ausbildung wie Arni einen Job. Statt in die Arbeitslosigkeit werden sie nun in Ausbildung entlassen, sofern sie einen Platz bekommen. Selbst jene, die diese schon beendet haben, kriegen eine ähnliche Chance: Die rot-grüne Regierung will ihnen anbieten statt Arbeitslosengeld Studienförderung zu beziehen und die Zeit ohne Arbeit mit Fortbildungen zu verbringen.

Seit Februar ist auf Island eine Koalition aus Sozialdemokraten und Linksgrünen an der Macht. Beide Parteien haben gute Aussichten auch nach den Wahlen am Samstag weiter regieren zu können. Ende Januar war nach Massenprotesten der Bevölkerung die Koalition aus Sozialdemokraten und konservativer Unabhängigkeitspartei zerbrochen. Als dann auch noch die Führung von Finanzaufsicht und Zentralbank ausgetauscht wurde, hörten die Demonstrationen vor dem isländischen Parlament auf.