Wieso Klinsmann gescheitert ist – Seite 1

Es sah aus, als erwarte Jürgen Klinsmann noch einen kurzen Abschiedsgruß. Sicher hätte er auch noch einen Schulterklapps für Franck Ribéry übrig gehabt, einen Tätschler von der Sorte "Kopf hoch, nicht so wild". Es lief die 76. Minute. Der beste Spieler des FC Bayern hatte gerade die Gelb-Rote Karte gesehen und schlurfte regungslos in Richtung Kabinentunnel. Als Ribéry am Eingang zu den Katakomben ankam, stand Jürgen Klinsmann ganz in der Nähe, zwei, drei Schritte entfernt. Doch Ribéry beachtete seinen Trainer nicht weiter und verschwand von der Bühne. Zurück blieb ein Mann, der etwas einsam wirkte. Eine gute Viertelstunde musste er noch seiner Mannschaft zuschauen. Dann war es vorbei.

0:1 gegen den FC Schalke 04, zu Hause, durch ein Kopfballtor von Halil Altintop (21.). Es war die letzte Partie von Jürgen Klinsmann als Cheftrainer des FC Bayern München. Am Sonntag herrschte noch Ruhe, am Montag jedoch teilte die Vereinsführung Klinsmann mit, dass sich die Wege trennen. Für Klinsmann übernimmt bis zum Saisonende ein Altbekannter: Jupp Heynckes. Der frühere Meistertrainer wird von Hermann Gerland unterstützt, Trainer der Drittliga-Mannschaft des Rekordmeisters und unter anderem früherer Trainer von Tennis Borussia Berlin.

Klinsmann war nur zehn Monate im Amt. "Wir haben uns diese Entscheidung sehr schwer gemacht", sagte Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzender des FC Bayern, "aber die Ergebnisse der vergangenen Wochen, die Art und Weise wie diese zustande kamen und vor allem die Situation fünf Spieltage vor Saisonende zwangen uns aus Verantwortung dem Klub gegenüber zu handeln." Ein von Anfang an brüchiges Gemäuer ist damit nach einem unaufhaltsamen Zerfallsprozess zusammengestürzt. Dass es so weit kam, liegt vor allem daran, dass Jürgen Klinsmann seinem Amt als Chefrestaurator des FC Bayern von Anfang nicht gewachsen war, dass er sich zu viel zugemutet hat.

Große Versprechungen hat Klinsmann gemacht, ein langfristiges Projekt wollte er anschieben: den deutschen Rekordmeister wieder dauerhaft zu einem der besten Vereine Europas machen. Doch von Anfang an war klar: Damit dieses langfristige Projekt funktionieren kann, braucht es auch kurzfristige Erfolge. "Ich bin hier extrem ergebnisanhängig", sagte Klinsmann selbst vor einigen Wochen in einem Interview. Doch nicht nur die blieben aus. Vor allem fehlten die Anzeichen, dass aus den Versprechungen mittel- bis langfristig Realitäten werden könnten – mit einer Ausnahme.

Jürgen Klinsmann sorgte mit seinen Ideen und dem großzügig von der Vereinsführung bereitgestellten Geld dafür, dass an der Säbener Straße kein herkömmliches Trainingsgelände mehr steht, sondern ein hochmodernes Leistungszentrum entstanden ist, mit dem Klinsmanns Nachfolger bestimmt viele tolle Sachen machen kann. Aber die sportliche Verantwortung für eine Fußballmannschaft zu tragen bedeutet eben doch zuallererst, erfolgreich mit Menschen umzugehen. Und daran ist Klinsmann gescheitert.

Von Anfang an hatte er keinen Zweifel daran gelassen, dass er beim FC Bayern, seinem ersten Job als Vereinstrainer überhaupt (die DFB-Trainerlizenz hatte er 2000 per Sonderlehrgang erworben), eine andere Rolle ausfüllen wolle als in der Nationalmannschaft. Er sei nicht Teamchef, sondern Cheftrainer, erklärte Klinsmann. Klinsmann wollte alleiniger Primus sein, nicht mehr inter pares.

So war es nur folgerichtig, dass er sich keinen renommierten Kenner des deutschen Fußballs an die Seite holte wie einst Joachim Löw in der Nationalmannschaft, sondern Nick Theslof und Martin Vasquez. Klinsmanns zwei engste sportliche Zuarbeiter waren in den USA und teilweise in Mexiko fußballerisch sozialisiert und hatten bis dato nie auf vergleichbarem Niveau gearbeitet. Niemand kannte sie, nur Klinsmann konnte ihre Qualifikation beurteilen. Demzufolge, was aus dem Innenleben des Vereins nach außen dringt, hat er sie überschätzt. Theslof und Vasquez müssen nun gleich mitgehen.

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Doch die Vereinsoberen ließen Klinsmann gewähren, vorerst. Sie hatten ihren neuen Trainer nicht nur mit so viel Gehalt ausgestattet wie keinen seiner Vorgänger, sondern auch mit bis dato ungeahnter Handlungsfreiheit. Die Versprechungen unter dem Leitmotiv "Jeden Spieler jeden Tag besser machen" waren verlockend. Doch die Tage zogen ins Land, und nichts wurde besser. Zwar ließ Klinsmann die Mannschaft viel offensiver spielen als der Sicherheitsapostel Ottmar Hitzfeld. Doch dafür war nun die Abwehr so unsortiert wie nie. Anfang Oktober stand der FC Bayern nach einem 3:3 zu Hause gegen Bochum mit neun Punkten aus sieben Spielen auf Rang elf der Bundesliga-Tabelle.

Klinsmann machte – so heißt es intern – in dieser Zeit den gerade erst als Kahn-Nachfolger installierten Michael Rensing verantwortlich und wollte ihn durch den 20-jährigen Thomas Kraft ersetzen. Doch da legte Manager Uli Hoeneß sein Veto ein. Die Freiheit des Trainers hat eben doch ihre Grenzen beim FC Bayern, selbst wenn der Trainer Klinsmann heißt. Es soll nicht die letzte Einflussnahme gewesen sein. Angeblich verordnete die Vereinsführung auch weniger Rotationen in der Startelf und mahnte mehr Mut zur Defensive an. Erstmals öffentlich wurde das Machtgerangel im Winter, wegen Landon Donovan. Klinsmann wollte den US-Amerikaner unbedingt verpflichten. Doch seine Chefs weigerten sich, mehrere Millionen Euro Ablöse für einen 27 Jahre alten Durchschnittsstürmer auszugeben, über den auch die anderen Spieler insgeheim schmunzelten.

Über einen Jüngeren, Besseren oder Billigeren hätten Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß vermutlich mit sich reden lassen. Aber Klinsmann wollte Donovan. Er unterlag in dieser zähen Auseinandersetzung – und verlor dadurch auch an Autorität in der Mannschaft. Es versteht auch bis heute niemand, warum Klinsmann Anfang der Saison ohne Not Marcell Jansen zum Hamburger SV weggeschickt hat und später auch noch Toni Kroos nach Leverkusen.

Über all dieses Hin und Her um die Personalien geriet zudem das Große und Ganze ein wenig aus dem Blick. Bis heute hat Klinsmann seiner Mannschaft noch kein überzeugendes Konzept, noch keine Idee vom Spiel vermitteln können. Für den Fehlstart aus der Winterpause – drei Niederlagen in vier Ligaspielen – gab es keine ablenkende Erklärung, Klinsmann stand schon damals kurz vor dem Ende. Spätestens seit dem niederschmetternden 0:4 in Barcelona war es nur noch eine Frage von Wochen, bis Klinsmann würde gehen müssen. Es wurden keine drei Wochen mehr. Aber wenigstens hat er vorher noch Torwart Michael Rensing demontiert.

Man munkelt in München, der Vorstand habe die Trennung nicht nur wegen des eigenen Gesichtsverlusts, sondern auch deshalb so lang herausgezögert, weil Klinsmann sich eine besondere Abfindungsklausel in den Vertrag habe schreiben lassen: dass er nicht nur das ausstehende Gehalt bekomme, sondern sogar noch ein zusätzliches Jahressalär. Damit habe er sich absichern wollen, in Ruhe arbeiten zu können. Es würde in das Bild passen, das die Bayern-Anhänger sich aus Klinsmanns Zeit als Bayernspieler 1995 bis 1997 im Kopf behalten haben: Damals hatte Klinsmann von seinem "gerissenen" (O-Ton Hoeneß) juristischen Berater André Gross eine Stammplatzgarantie fixieren lassen. Später erklärte Hoeneß, Gross habe an der Säbener Straße "Hausverbot. Der bietet dir nach fünf Minuten das 'Du' an, und nach zehn Minuten zieht er dich über den Tisch."

So eifrig Hoeneß und Klinsmann nun bei der zweiten Zusammenarbeit auch bemüht waren, die alten Geschichten für vergeben und vergessen zu erklären, der Ruch des Zwecksbündnisses war einfach nicht zu vertreiben. So sahen es wohl auch die Bayernanhänger, die Klinsmann nie ins Herz schlossen wie Ottmar Hitzfeld, sondern ihn schnell verstießen.

Klinsmann sagt von sich selbst, er sei "ein Kämpfer". Er wolle und werde "das durchziehen, mit aller Energie", erklärte er noch am Samstag. Wenn er so redet, klingt er, wie er früher Fußball gespielt hat: Sprang ihm der Ball auch fünfmal vom Fuß – daher der Spitzname "Flipper" –, Klinsmann rannte hinterher, und irgendwann brachte er den Ball doch wieder im Tor unter. So wurde er Welt- und Europameister. Aber Klinsmann ist eben kein Stürmer mehr. Und kämpfen und rackern macht noch keinen guten Trainer.

Der FC Bayern steht nun vor einer höchst ungewissen sportlichen Zukunft. Dass es für die Meisterschaft nicht mehr reichen könnte, hält inzwischen selbst ein an sich fröhlicher und stets optimistischer Spieler wie Philipp Lahm für möglich: Man müsse "ein bisschen runterschrauben" und "andere Prioritäten setzen", sagte er, nämlich "erstmal Platz zwei zu sichern", wegen der Direktqualifikation zur Champions League. Aber was, wenn es nicht einmal zu Platz zwei reicht? Und selbst wenn, wie soll es nächste Saison weitergehen? Gewiss scheint nur eines: Einfach so einen neuen Trainer verpflichten und weiter im Text, das wird nicht funktionieren. Dafür hat die kurze Ära Klinsmann zu viel Vertrauen zerstört.