Man gehe auf die Seite superwahlheimat.de, schaue sich 30 Kandidaten an, die vor grässlich orangefarbenem Hintergrund nett lächeln. Man lese deren Wahlversprechen. Und stimme schließlich ab. Ganz einfach via E-Mail oder per SMS. Und wenn man seine Wahl später bereut, stimmt man einfach noch einmal ab. Egal, nur die letzte Stimme zählt.

Was wie ein besonders horribler, aber durchaus realistischer Wahlkampfprozess in der Politik klingt, ist in Wahrheit ein aktuelles Kunstprojekt des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) und der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe. "Wahlheimat" heißt das Ganze und ist gestaltet wie eine demokratische Wahl, nur mit dem Unterschied, dass hier nicht Volks-, sondern Kunstvertreter gewählt werden: 30 Künstlerinnen und Künstler stellen sich einem Wettbewerb, an dessen Ende sich 20 von ihnen mit ihren Werken in einer Ausstellung in der Karlsruher Nancyhalle präsentieren können. Diese soll dann auch zeigen, ob das jeweilige "künstlerische Wahlversprechen" eigentlich eingelöst wurde.

Freilich ist das Ganze nicht ernst gemeint. Demokratische Kunstwahl – das Volk entscheidet, was in die Museen kommt – ist ein Schreckensszenario. Die Masse entscheidet ja nicht darüber, welche Kunst gut ist und ins Rampenlicht gehört. Oder doch? Weit davon entfernt sind wir ja nicht, in anderen Kulturbereichen wie in der Musik sind solche Wahlen längst eingespielte Prozesse, man denke an umstrittene Nachwuchsband-Wettbewerbe wie das Emergenza-Turnier oder die zum Alltag gewordenen Abstimmungen in TV-Shows. Und welches Kunstwerk gut ist, entscheidet ja auch längst der Markt, wenngleich angesichts der Krise in letzter Zeit vielfach von einem Durchatmen und Sich-Besinnen die Rede ist.

Vor solchen kultur- und soziopolitischen Hintergründen ist das Kunstprojekt "Wahlheimat" als ein überspitztes, ironisches Experiment zu verstehen, als eine Aktion "mit Augenzwinkern", wie Organisatorin Christina Lindner vom ZKM sagt. Sie gestaltet das Projekt zusammen mit Oliver Boeg von der HfG. Die Kunsteinrichtungen beleuchten den eigenen Betrieb, reflektieren systemimmanente Mechanismen und Strukturen, hinterfragen den Kunstkommerz und das Geschmäcklerische des Mainstreams. Vor allem aber ist es eine Kritik an Politik, Demokratie und der Fähigkeit der Gesellschaft, damit umzugehen.

Die Gestalter haben sich auf der Internetseite alle Mühe gegeben, dass man es auf keinen Fall anders – das heißt: ernst – nehmen kann. Vielleicht trauen sie den Adressaten ihres Projekts doch nicht all zu viel zu? Die im Stile chancenloser Randparteien gestaltete Website erklärt die Idee in Superlativen, wie man sie auch in politischen Wahlkämpfen erlebt: hinter starken Worten viel Leere. "Durch Wahlen werden in Deutschland zentralste und relevanteste Probleme der gesellschaftlichen Entwicklung entschieden", heißt es beispielsweise. Fragen der medialen Beeinflussbarkeit kommen zum Tragen. Die Kunstwähler können den Abstimmungsprozess im Internet verfolgen und ihre Entscheidung jederzeit revidieren und erneuern.

Zu Beginn des Experiments stand eine Ausschreibung. Künstlerinnen und Künstler bewarben sich, 30 gingen schließlich ins Rennen. Sehr viel mehr als 30 hatten sich auch nicht beworben. Zu den (eher unbekannten) Kandidaten gehören der Videokünstler Matthias Fritsch, die Grafikkünstlerin Gina Plunder, der Medienkünstler Thomas Schattling und der Maler Lucnam Nguyen. Auf amateurhaften Wahlkampfplakaten präsentieren sie sich im Netz wie auch in der Karlsruher Innenstadt auf Fotos mit breitem Grinsen, einige ziehen dämliche Grimassen, andere haben Papiertüten übergestülpt. Bei einigen ist nicht klar, ob die Frisur als Witz oder ernst gemeint ist. "Es soll wie ein politisches Wahlplakat aussehen", sagt Lindner. "Die inszenierten Bilder in der Politik wirken ja auch immer extrem gestellt. Wir haben die entstehende unfreiwillige Komik mit einbezogen und spielen mit Wahrnehmungsweisen und realpolitischen Ikonografien." Noch habe es solch ein Experiment, in dem die demokratische Beteiligung konsequent umgesetzt wurde, nicht gegeben, sagt Klaus Heid, Sprecher der HfG. "Wir sind sehr gespannt."