"Freistaat Bayern" – das klingt nach Bier, Brez’n und Festzeltreden von CSU-Würdenträgern. Doch kaum einer weiß noch, dass weißblaue Freistaat in einer Revolution geboren wurde, die in München im Frühling 1919 sogar zu einer Räterepublik nach sowjetischem Vorbild führte.

Die deutsche Novemberrevolution begann zwar 1918 im Norden, aber es waren die Bayern, die als erste ihren Monarchen vom Thron jagten, den Wittelsbacher Ludwig III. Kurt Eisner, Mitglied der linken SPD-Abspaltung USPD, rief am 8. November 1918 den Freien Volksstaat Bayern aus. Erst einen Tag später verkündete Philipp Scheidemann in Berlin die Abdankung Wilhelms II. und die Republik.

Aber noch war nicht klar, was aus Deutschland werden sollte: eine Räte-, eine Sowjetrepublik? Oder eine parlamentarische Demokratie? Arbeiter- und Soldatenräte riefen kurzlebige Gebilde wie die Bremer Räterepublik aus, Kommunisten und linke Sozialdemokraten zettelten Massenstreiks gegen parlamentarisch gesinnte Genossen an, im Januar 1919 wollten Kommunisten mit dem Spartakusaufstand die Revolution des Proletariats erzwingen.

Die Münchener Räterepublik entstand erst spät, aber sie hielt sich am längsten: vom 7. April bis zum 3. Mai 1919. Doch sie war von Anfang intern heftig umkämpft. Eisner schaffte es als Ministerpräsident nicht, die Linke hinter sich zu vereinen: Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten bekämpften sich schon damals lieber gegenseitig als den Klassenfeind. Eisner wollte den Rücktritt seines Kabinetts anbieten. Er war dazu am 21. Februar 1919 auf dem Weg zum Parlament, als Anton Graf von Arco auf Valley ihn erschoss. Der 22-Jährige hasste Eisner nicht nur als Linken, sondern auch als Juden; er gehörte der völkischen, antisemitischen Thule-Gesellschaft an.

Eisners Nachfolger Ernst Niekisch war Nationalbolschewist, gehörte also jener Strömung an, die zwar nicht die Weltrevolution anstrebten, aber eine deutsche Staatsordnung nach sowjetischem Vorbild. Er berief einen Zentralrat der Bayerischen Republik ein, doch eine von ihm vorgeschlagene Regierung lehnte der neu gewählte Landtag ab. Die Abgeordneten bestimmten stattdessen den Sozialdemokraten Johannes Hoffmann zum Ministerpräsidenten. Daraufhin riefen die USPD-Mitglieder des Zentralrats am 7. April die Münchner Räterepublik aus.

Diese Erste Räterepublik prägten Intellektuelle. Der Schriftsteller und Pazifist Ernst Toller und die anarchistischen Publizisten Gustav Landauer und Erich Mühsam standen an ihrer Spitze. Regieren sollten "Volksbeauftragte": Der Wiener Ökonom Otto Neurath wurde Kommissar für Sozialisierung, die Finanzen übernahm der Erfinder der Freiwirtschaftslehre Silvio Gesell.

Hoffmann wich nach Bamberg aus; im Norden waren die radikalen Linken schwächer. Der erste frei gewählte Regierungschef Bayerns schickte am Palmsonntag, dem 13. April 1919, die ihm loyale Republikanische Schutzwehr nach München, um das Räteregime zu stürzen. Doch nach einem fünfstündigen Gefecht mit 17 Toten und mehr als 100 Verletzten siegten die Münchener Rotgardisten.

Nun übernahm die KPD die Macht: Unter der Führung von Eugen Leviné und Max Levien riefen die Arbeiter- und Soldatenräte im Hofbräuhaus die zweite, die "Kommunistische Räterepublik" aus. Die Regierung übernahmen ein 15-köpfiger "Aktionsausschuss" und ein vierköpfiger "Vollzugsrat". Sie verboten die Presse, beschlagnahmten Lebensmittel und Wohnungen und ordneten einen Generalstreik an.

Ministerpräsident Hoffmann, von den besorgten Sozialdemokraten in Berlin um Friedrich Ebert angestachelt, hatte sich mittlerweile mit dem politischen Gegner zusammengetan: Das rechte thüringische Freikorps des Offiziers Franz Ritter von Epp verhaftete die Räte in jenen fränkischen Städten, die sich mit München solidarisch erklärt hatten.

Ende April brach der "Aktionsausschuss" auseinander. Erneut stand Toller an der Spitze der Räterepublik. Im isolierten München herrschte Hunger, Toller wollte mit Hoffmann verhandeln, doch der lehnte jeden Kompromiss ab. Er forderte Unterstützung aus Berlin an; der berüchtigte Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) schickte Soldaten aus Preußen und Württemberg.

35.000 Reichswehr-Soldaten und Freikorps-Kämpfer marschierten auf München zu, höchstens 12.000 Mann versuchten, die Räterepublik zu verteidigen. Am 1. Mai 1919 rückten die nach dem Vorbild der russischen Revolution als "Weiße" bezeichneten Kräfte in München ein. Die Roten wehrten sich erbittert, doch die Übermacht der "Weißen" war zu groß. Bis zur Niederlage der Räterepublik am 3. Mai 1919 forderten die Kämpfe mehr als 600 Tote.

Fast eine Woche lang verbreiteten die marodierenden Mannen Ritter von Epps, darunter spätere NS-Funktionäre wie Ernst Röhm und Rudolf Heß, Terror in München. Mutmaßliche Kommunisten wurden erschossen, auch Frauen und Mädchen zu Tode gequält. Mehr als 300 Zivilisten starben. Am 6. Mai fielen 21 katholische Handwerksgesellen dem Wüten zum Opfer; jetzt erst pfiff Ministerpräsident Hoffmann die Bluthunde zurück. Seine SPD-Regierung blieb noch dreieinhalb Monate in Bamberg, wo am 14. August die erste bayerische Verfassung verabschiedet wurde.

Die Revolution in Bayern war gescheitert. Mit üblen Nachwirkungen: Zahlreiche Protagonisten der Revolution und der Räterepublik waren Juden. Nach ihrer Niederlage wogte der Antisemitismus durch München, fand die Propagandafigur des "jüdischen Bolschewisten" reichhaltige Nahrung. München wurde die Geburtsstadt der Nationalsozialisten, die "Hauptstadt der Bewegung".