Nuklearwaffen in den Händen der Taliban – das ist der ultimative Alptraum. Jetzt hat er konkretere Formen angenommen. Die Taliban sind nur mehr 100 Kilometer von Islamabad entfernt, der Hauptstadt des nuklear bewaffneten Pakistan. Überall schrillen die Alarmglocken, am lautesten in Washington. Bei einer Anhörung vor dem Kongress sprach US-Außenministerin Hillary Clinton von "existenzieller Gefahr für Pakistan" und einer "tödlichen Bedrohung" für die Welt.

Das sind dramatische Worte. Clinton hat guten Grund alarmiert zu sein. Ein zerfallendes Pakistan ist eine Gefahr für die Welt. Und das Land riskiert tatsächlich die Implosion. Das Symbol dafür sind die Taliban, die inzwischen so nahe an Islamabad herangerückt sind, dass einem Angst und Bange wird. Talibanisierung ist ein anderes Wort für den fortschreitenden Autoritätsverlust des Zentralstaates. Genau das geschieht derzeit in Pakistan. Dieser Staat ist in "tödlichen Gefahr".

Die Taliban sickern weiter in die Paschtunen-Stammesgebiete ein. Weltweite Besorgnis hat das Vordringen nach Buner ausgelöst, das unweit der Hauptstadt Islamabad liegt © ZEIT ONLINE Grafik

Barack Obama stellte vor wenigen Wochen diese Strategie unter dem Begriff "Afpak" vor. Damit machte Obama klar, dass er Afghanistan nicht als isoliertes Problem sieht. Zu Recht hat er erkannt, dass Afghanistan nur über Pakistan zu gewinnen ist, und Pakistan nur über Afghanistan.

So sehr aber Hillary Clinton die Lage zutreffend beschreibt, so sehr sind ihre Äußerungen auch von einer politischen Absicht getragen. Clinton will internationalen Konsens um die neue Afghanistanstrategie der US-Regierung herstellen. Präsident

"Afpak" vollzieht nach, was längst schon Realität geworden ist: Der Krieg gegen den Terror ist nicht auf Afghanistan begrenzt. "Seht her, die Taliban greifen nach den Atomwaffen! Wir müssen in Pakistan aktiv werden. Afpak also ist die richtige Antwort" – das ist die Botschaft Clintons. Sie wird ihre Wirkung nicht verfehlen.

Der öffentlich vorgetragene Appell Clintons jedoch ist sehr problematisch. Er erweckt nämlich den Eindruck, als seien die Taliban eine feindliche Armee, die drauf und dran ist, die Hauptstadt eines 170-Millionen-Einwohner-Staates zu erobern. Er suggeriert, die Taliban könnten mir nichts dir nichts in den Kontrollraum der Atomwaffenstreitkräfte marschieren und nuklear bestückte Raketen abfeuern. Kurzum: Clinton trägt zur um sich greifenden Hysterisierung bei.

Die Wahrheit ist: Die Taliban sind eine ein paar Tausend Mann zählende Guerilla-Organisation, die über keine schweren Waffen verfügt. Sie können die 700.000 Soldaten starke pakistanische Armee nicht in einer Feldschlacht besiegen. Das Problem ist eine anderes, und es ist viel bedrohlicher. Die Taliban können diese Armee zermürben, ihre Moral untergraben. Das ist ihnen in den letzten Jahren schon erfolgreich gelungen.

In Islamabad debattiert man heute nicht mehr die Frage, ob die Armee überhaupt gegen die Taliban vorgehen will. Man fragt sich, ob sie – wenn sie es denn wirklich wollte - überhaupt noch kann. Sie ist innerlich erschöpft. Schuld an dieser Misere ist in erster Linie die pakistanische Armee selbst. Sie hat die Taliban unterschätzt. Längst sind diese nicht mehr, was sie einmal waren: eine Instrument in den Händen der Generäle; sie haben inzwischen ein Eigenleben entwickelt.