Walter Momper hat Berlin regiert, als die Mauer fiel. Jetzt gibt es eine neue Mauer in Berlin, zwischen denen, die Ethik als Pflichtfach in der Schule erhalten wollen und den Anhängern eines gleichberechtigten Religionsunterrichts.

Auf der einen Seite des Kulturkampfs stehen die Konservativen, die Kirche, die Jüdische Gemeinde, auf der anderen die SPD, der Berliner Senat, die Linkspartei und die Humanistische Union. Hunderte Anhänger von "Pro Reli" haben einen Volksentscheid erwirkt, Laternenmasten und Kreuzungen mit Plakaten ausstaffiert, Briefe verschickt, Radiowerbung gesendet. Mahnend wirbt Günther Jauch auf graublauen Plakaten für das "Ja". Berlin sieht aus wie fünf Wochen vor der Bundestagswahl. Nur, dass Jauch nie kandidieren würde.

Für die Ethikfreunde lächeln zwei Teenagermädchen das "Nein zum Wahlzwang" herbei. "Nu' lasst doch ma' die Kirche im Dorf", berlinert die Linke auf Aufklebern. Radiowerbung war zu teuer, für Massenbriefe fehlten die Adressen. Für Donnerstagmorgen rief "Pro Ethik plus Religion" seine Helfer zur "U-Bahn-Aktion" auf. Das Geld reicht noch für zwei Zeitungsanzeigen in "ND" und "taz". Am Sonntag soll das Volk dann abstimmen.

Doch das Volk ist verwirrt. "Pro Ethik" hat deshalb ins "Tempodrom" geladen, an die Grenze zum Stadtteil Kreuzberg, wo viele Muslime leben. "Die Fragestellung des Volksentscheids ist irreführend, weil da das schöne Wort Freiheit vorkommt", sagt am Einlass Safter Cinar vom Türkischen Bund Berlin in ein Mikrofon vom Deutschlandradio. Denn wer den Schülern die Freiheit erhalten will, auf Religion zu verzichten, muss am Sonntag mit Nein stimmen. Und wer ist schon gegen Freiheit?

Drinnen auf der Bühne lässt die Schauspielerin Jutta Kausch einen Schirm aufschnappen, als sie Walter Momper  ankündigt, den Schirmherrn von "Pro Ethik". Den mit rotem Samt umfassten Saal füllen knapp 200 Leute. Das Durchschnittsalter können auch sieben Samba trommelnde Grundschüler kaum unter 55 Jahre drücken.

Momper, der heutige Parlamentspräsident, will "zur Sache gar nichts mehr sagen", weil ja alles gesagt sei. "Man wüsste ja gern, wo das viele Geld für die Plakate herkommt", stichelt er. Und erst der Irrglaube, bei "Pro Ethik" sammelten sich nur Altstalinisten... Selbst Klaus Wowereit sei Katholik und zahle Kirchensteuer. Und "ich selbst bin praktizierender Protestant und...", dann stockt er, "…ständiger Lohnsteuerzahler". Der RBB filmt alles.

SPD-Unterstützung für die Befürworter des Status Quo © Rainer Jensen/dpa

Anfang des Jahrtausends sprach Jutta Kausch in Berlin auf Demonstrationen gegen den Irak-Krieg. Viele, die jetzt im Tempodrom sitzen, waren damals garantiert dabei. Für die Plakate hätte "Pro Ethik" auch Transparente gegen den Nato-Doppelbeschluss aus den Kellern holen können: "NEIN" heißt es an der Bühnendeko und in metergroßen, roten Styroporlettern an der Wand. Gekämpft wird hart, doch nicht um etwas, sondern gegeneinander: "Wir nehmen uns die Freiheit und werden Pro Reli stoppen." Die konservative FAZ, "das Zentralorgan der Bourgeoisie" (Momper) druckte gar die Nachricht, der Landeschef der Humanistischen Union sei als Stasi-Funktionär Mitglied einer Guerillagruppe gewesen.

In Berlin ein paar Altlinke zu mobilisieren, bedarf nur weniger Ortsgespräche. Manfred Maurenbrecher kommt aufs Podium, der Songschreiber und Texter von Ulla Meinecke und anderen vergessenen Größen. Er setzt sich ans Klavier, fingert ein paar Akkorde. "Ich muss sagen, dass ich auch ziemlich verwirrt war, wie ich abstimmen soll. Bis ich gemerkt habe, dass ich Sonntag nicht da bin." Ihn rette die Briefwahl. Dann singt er mit seiner markigen Grölstimme von Freiheit. Beim zweiten Song bildet sich vor der Getränketheke eine Schlange.