Als "Hauptstadt des Atheismus" wird Berlin mitunter bezeichnet. Nur ein Drittel der Bewohner gehört einer der beiden großen Kirchen an. An diesem Sonntag könnte sich jedoch erweisen, dass Berlin frömmer ist als geglaubt. Dann wird in der Hauptstadt darüber abgestimmt, ob Religion künftig ein Wahlpflichtfach an den Schulen sein soll oder weiterhin ein freiwilliges  Angebot, angeboten in Eigenregie der Kirchen.

Sollten mindestens 25 Prozent der wahlberechtigten Berliner sich für die Wahlpflicht entscheiden, wäre dies durchaus ein Einschnitt in der Stadtgeschichte. Seit 61 Jahren leben die Berliner bereits mit dem freiwilligen Religionsunterricht. Über viele Jahrzehnte schien dies auch niemanden allzu sehr zu stören.

Die entscheidende Weichenstellung für diese Entwicklung wurde in den allerersten Nachkriegsjahren gestellt, als SED und SPD in der damals noch gemeinsamen Stadtverordnetenversammlung eine breite Mehrheit hatten.

In der Arbeiterklasse hatte das Marxsche Diktum von der Religion als Opium für das Volk zu dieser Zeit noch weitgehende Gültigkeit. Der preußische Militarismus auf der einen Seite, die Herrschaft von Kapital und Kirchen gehörte für viele Genossen untrennbar zusammen. Für sie war es deshalb ein Akt der Befreiung, als im neuen Schulgesetz, das am 26. Juni 1948 in Kraft trat, ein verpflichtender Religionsunterricht gestrichen wurde. Dieser sollte zwar noch an den Schulen unterrichtet werden. Die Teilnahme wurde allerdings freigestellt.

Nur wenige Monate später brach Berlin politisch auseinander, Ost und West wurden fortan getrennt regiert. Im Hinblick auf den Religionsunterricht änderte das freilich nichts. Denn an diesem Punkt sahen die Sozialdemokraten, die im Westen über eine Mehrheit von 68,5 Prozent verfügten, ebenso wenig Änderungsbedarf wie die Kommunisten im Osten.

Auch das Inkrafttreten des Grundgesetzes 1949 überstand das Berliner Schulgesetz unbeschadet. Zwar hatten sich die Verfassungsväter anders als die Berliner Politiker darauf verständigt, den Religionsunterricht in den Rang eines "ordentlichen Schulfaches" zu erheben (Grundgesetz Artikel 7, Absatz 3). Allerdings wurde für alle Länder, die vor 1949 bereits eine andere Regelung eingeführt hatten, mit der Bremer Klausel (Grundgesetz Artikel 141) eine Ausnahme ermöglicht.

Dass in Berlin daran auch in den Jahrzehnten danach nicht gerüttelt wurde, hing nicht zuletzt damit zusammen, dass die Stadt in der Zeit der Teilung zumeist SPD-regiert war. Und als die CDU die SPD-Dominanz in den achtziger Jahren endlich brechen konnte, hatten sich die Christdemokraten offenbar längst an den Status quo gewöhnt. "Das war damals einfach kein Thema", heißt es dazu heute lapidar aus der Berliner CDU-Fraktion, die derzeit zu den eifrigsten Unterstützern der Initiative Pro-Reli gehört.

Auch als nach der Wiedervereinigung alle neuen Bundesländer außer Brandenburg Religion wieder zum Wahlpflichtfach machten, hielt Berlin an der Bremer Klausel fest. Zwar hätte die CDU unter ihrem damaligen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen Anfang der neunziger Jahre gerne anders entschieden, doch sah sie sich stets mit einer rot-rot-grünen Mehrheit im Abgeordnetenhaus konfrontiert, die Änderungen am Schulgesetz strikt ablehnte. So reichte es  nur zu einem Schulversuch.

Nach dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin unternahm die CDU einen zweiten Anlauf. Nun war ein neues Argument hinzugekommen: Den aus dem Rheinland zuziehenden Beamten gefiel es nämlich gar nicht, dass ihren Kindern in Berlin nicht nur die sechsjährige Grundschule zugemutet wurde, sondern zu allem Überfluss auch noch kein ordentlicher Religionsunterricht angeboten wurde.