Historiker haben keine leichte Aufgabe in Russland. Mythen ersetzen hier oft das Wissen, und bei der Zuschauer-Wahl zur wichtigsten Person Russlands im Staatsfernsehen belegte Stalin hinter dem Großfürsten Alexander Newskij und dem Reformator und Premierminister Pjotr Stolypin gleich den dritten Platz.

Ein kritisch-konstruktives Verhältnis zur eigenen Vergangenheit gilt schnell als Nestbeschmutzung. Aber es gibt entgegen aller Klagen über das Desinteresse der Jugend an Russlands Vergangenheit auch Studenten, die sich der eigenen Geschichte annehmen. "Das Interesse ist sogar groß", sagt die Historikerin Natalja Timofejewa in der Stadt Woronesch, 500 Kilometer südlich von Moskau. "Zu unseren Veranstaltungen und Konferenzen kommen viele Studenten."

Als weiterer Nachweis, dass es bergauf geht mit der Geschichtsforschung, mag ein Zimmer mit Wandtafel, Computer und Teekocher dienen, in dem das Zentrum für Mündliche Geschichte Woronesch an der Pädagogischen Universität endlich sein Asyl fand. Timofejewa hat es gegründet, und der Hochschule verleiht es den Vorteil eines Trumpfes in der Konkurrenz um künftige Studenten. Denn das Zentrum bietet auch Nichthistorikern die Chance, interdisziplinär den eigenen Fachhorizont zu erweitern.

So können Jurastudenten ihr Wissen ausdehnen, indem sie sich mit juristischen Fragen der Auschwitz-Aufarbeitung beschäftigen, vielleicht sogar während eines Studienaufenthalts in Polen. Zwar besitzt das Zentrum noch immer keinen Internetanschluss, und für eine Vernetzung mit ähnlichen Geschichtsprojekten in Moskau, Sankt Petersburg oder Petrosawodsk fehlen Kraft und Geld. Doch Timofejewa weiß, dass alles seine Zeit und ebenso Gönner braucht. Wie den Rektor als Hausherren der Pädagogischen Universität oder die Mutter eines örtlichen Unternehmers, die ihr mal einen Computertisch, mal eine Garderobe spendiert.

Das Zentrum für Mündliche Geschichte widmet sich einer Forschungsmethode, die noch vor Kurzem in russischen Wissenschaftskreisen verpönt und zu sowjetischen Zeiten undenkbar war. Im Gegensatz zur damaligen, staatlich dominierten Forschung sollen bei Timofejewa nicht die Staatslenker, sondern die Menschen als Subjekt der Geschichte zu Wort kommen. In der Sowjetunion dagegen herrschte der Anspruch der Staatsführung, über das Leben jedes Einzelnen zu gebieten.

Die Sicht von unten auf die Zeitgeschichte, noch dazu im Disziplinenmix mit der Soziologie, Psychologie oder Linguistik, gilt noch heute vielen im autoritär gesinnten Russland mit seiner Herrscherfixiertheit als unzulässig, ja frevelhaft. "Anfangs stießen wir auf Unverständnis gegenüber dieser neuen Form der historischen Forschung", formuliert Timofejewa mit jener versöhnlichen Vorsicht, die oft das Leben in den Regionen von dem in Moskau unterscheidet. Zwar verschwimmen so mögliche Konfliktlinien innerhalb der Disziplin und mit der Politik, aber Timofejewa vermeidet zugleich die Selbstisolierung, die manche Historiker mit starkem moralischen Anspruch und dissidentischem Gebaren umgibt.

Die Studenten, die im Zentrum mitarbeiten und ihre Diplomarbeit oder Dissertation vorbereiten, haben sich vor allem der Opfer des Zweiten Weltkriegs, der Zwangsarbeiter und Gefangenen der Konzentrationslager, verschrieben. Ein Buch über das Schicksal sowjetischer Bürger als Ostarbeiter in Nazi-Deutschland ist sogar auf Deutsch erschienen. Eine Studentin schrieb ihre Doktorarbeit über das Bild der USA zu Zeiten des Kalten Kriegs in der satirischen Sowjetzeitschrift Krokodil und seine Wahrnehmung durch die Leser. Andere fahren zu privat organisierten Studienaufenthalten nach Auschwitz, um Menschen zu interviewen, die als Kleinkinder aus dem Lager gerettet und von polnischen Familien adoptiert wurden. Für die Untersuchung der "Überlebensstrategie der Gefangenen des Konzentrationslagers Ravensbrück" erhielt der Student Stanislaw sogar ein Stipendium des Deutschen Historischen Instituts in Moskau.

Künftig möchte Timofejewa die Vertreibung der Woronescher Bevölkerung unter der faschistischen Besatzung erforschen. Politisch sensible Themen, die auch in Woronesch auf Skepsis stoßen könnten, hat das Zentrum bisher nur gestreift. Bei der Frage nach einem möglichen Tabuthema fallen den Studenten nur die Lager für sowjetische Kriegsgefangene rund um Woronesch während der deutschen Besatzung ein. Zumindest zu sowjetischer Zeit waren sie ein verbotenes Thema, da es nach offizieller Geschichtsschreibung gar keine sowjetischen Kriegsgefangenen geben durfte.

Mit Neugier und Ehrfurcht reagieren die Studenten auf die Vielschichtigkeit der Geschichte und das persönliche Leid, das viele Gesprächspartner ertragen mussten. Staatsbürgerliche Skepsis und kritisches Aufklärungsbewusstsein stehen nicht im Vordergrund. Es fällt vielen schwer, die eigene Neigung zur Geschichtsforschung zu erklären. Oft waren es engagierte Schullehrer, die ihre Begeisterung erweckten. Der Gewinn für sie ist eher persönlicher Natur: "Ich kann meine Grenzen und Zeit und Raum erweitern", sagt Stanislaw.

Das Engagement und die Kritik, die eher das Detail als die großen Zusammenhänge der Politik und Gesellschaft betreffen, gehen einher mit dem Wunsch nach einem Ausgleich zwischen den Menschen und der Wissenschaft. Vielleicht haben die Woronescher Studenten deshalb so überrascht auf zwei deutsche Historikerinnen reagiert, die sich auf einer internationalen Konferenz öffentlich und ausdauernd über ihre unterschiedliche Interpretation stritten. "Bei uns", sagt einer der Studenten, "treten beide eher zur Seite, um das zu klären."

Ihre Zeitzeugen, haben die Studenten festgestellt, kennen nur wenige Themen, denen sie ausweichen. In der Regel sind sie beim ersten Gespräch verhalten. Später haben sie Vertrauen gefasst, ziehen sich zuweilen fein an für die Interviews und bereiten Tee oder Kaffee vor. Sie erzählen viel, zumal den meisten von ihnen kaum jemand zuvor zuhören wollte. "Über die Staatsmacht und ihr Verhältnis zu ihr sprechen viele der Zeitzeugen allerdings ungern", erzählt Stanislaw. Da gebe es noch Anflüge der alten Angst und des Unwissens, was noch kommen möge. "Es ist eben noch keine stabile Gesellschaft", sagt Stanislaw. "Aber die Menschen suchen nach Stabilität und Ordnung." Gerade das erkläre vielleicht die Popularität Stalins.