Eigentlich wurde das Tribeca-Filmfestival gegründet, um nach 9/11, als die Wall Street schwer kriselte, das Leben nach New York zurückzubringen. Nun hat die neuerliche Krise das Festival erreicht, mit American Casino. In dem Dokumentarfilm von Leslie Cockburn geht es darum, wer die Täter und die Opfer der Wall-Street-Krise sind, eben jenes Casinos, das vor neun Jahren in Gang gesetzt wurde und das uns gerade um die Ohren fliegt.

American Casino beginnt mit dem "Herz der Kernschmelze", sagt Cockburn, mit Phil Gramm nämlich, dem republikanischen Finanzpolitiker und früheren Vorsitzenden des Finanzausschusses im Senat, der heute bei der Großbank UBS arbeitet. Gramm brachte im September 2000 ein Gesetz ein, bestimmte Anlageformen von der Aufsicht in Washington und den Bundesstaaten auszunehmen. Diese Anlagen – erzählt der Film spannend und präzise, ohne markschreierische Michael-Moore-Effekte – waren letztlich Wetten, ob Hausbesitzer in der Lage sind, ihre Hypotheken abzuzahlen.

Von da an waren die Banken daran interessiert, möglichst viele Kreditverträge zu unterzeichnen, egal, welche Bonität die Kunden hatten. Hypotheken im Wert von insgesamt 800 Milliarden Dollar wurden so vergeben, dafür kassierten die Banken Milliardenprovisionen.

"Die Broker, die die Verträge machten, kriegten sofort ihr Geld", sagt ein Banker der Investmanbank Bearn Stearns, der sein Gesicht verdunkeln ließ. Diese Subprime Loans, also Hochzinskredite an nicht so kreditwürdige Amerikaner – im Klartext: an Schwarze – wurden gebündelt und weiterverkauft. Und wer kauft so was? Ein ebenfalls anonymisierter Banker meint kurz und bündig: "Idioten". In einer internen E-Mail einer Ratingagentur heißt es: "Lasst uns hoffen, dass wir alle reich und in Rente sind, wenn das Kartenhaus zusammenbricht."

Nur die Broker verdienten, nicht die Investoren

Dann, 2007, gründeten fünf Investmentbanken den ABX-Index. Auf den gestützt konnten Investoren auf das Platzen von Hypotheken wetten. Verdient daran hat etwa Jeff Green aus Kalifornien, der Cockburn kühl erklärt, er habe so 500 Millionen Dollar gemacht. "Ich dachte erst, wo ist der Haken, warum macht das nicht jeder?", sagt er. "Aber es gab keinen Haken."

Wie hat es Cockburn geschafft, solche Leute vor die Kamera zu bekommen? "Das war sehr schwierig", sagt sie. "Das dauerte Monate, wir haben uns mit ihnen getroffen, es gab endlose Gespräche, endlose Arbeitsessen, wir mussten sie davon überzeugen, dass wir wussten, wovon wir redeten." Waren die Banker von Schuldgefühlen geplagt? Nein, meint Cockburn. "Denen war es ein Bedürfnis, ihre Welt zu erklären."

So erzählt ein Broker, wie eine Bank aus Korea, wo niemand englisch sprach, übers Ohr gehauen wurde. Ihn zu diesem Auftritt zu überreden, habe neun Monate gedauert. "Aber er wusste, dass diese Collateralized Debt Obligations, die Fonds, in den die schlechten Hypotheken gebündelt waren, verrückt waren und dass nur die Broker daran verdienten, nicht die Investoren."

Anderthalb Jahre hat Leslie Cockburn an American Casino gearbeitet. Die Regisseurin hat ihr Handwerk in London bei NBC News gelernt, bei Stuart Schulberg, dem Bruder von Bud Schulberg, Autor des Antimafiastreifens On The Waterfront. Zuvor hat sie Filme über die Unterstützung der Roten Khmer in Kambodscha durch die CIA gemacht, das kolumbianische Kokainkartell und Ronald Reagans Rolle in der Iran-Contra-Affäre. Nun ist sie die Erste, die mit einem Streifen über die Finanzkrise auf den Markt kommt. "Dass sie solche Umfänge annehmen würde, das war Anfang 2008 schon abzusehen", meint sie.

Milliardenroulette mit den kleinen Leuten

Cockburn kontrastiert die Banker, die das Milliardenroulette drehen, mit kleinen Leuten, Pfarrern, Lehrern, Hausfrauen, die wegen 300 oder 500 Dollar ihr Häuschen verlieren und mit ihren Kindern auf der Straße sitzen. Und sie zeigt die Auswirkungen auf die Städte: Vernagelte Fenster, Vandalismus, Müll, Ratten, Moskitos in verlassenen Pools. Überproportional sind schwarze Bezirke betroffen, deren Bewohner keine Kredite zu normalen Konditionen bekommen und deshalb auf die Subprime Loans angewiesen sind.

Ist nun die Talsohle erreicht? "Nein, da kommt noch einiges auf uns zu", sagt Cockburn. Warum eigentlich gibt der Staat Milliarden von Dollar an Banken und Versicherungen, tut aber nichts für die Menschen, die aus ihren Häusern fliegen? "Die Kommunen haben dafür kein Geld", sagt Cockburn. "Und was Washington angeht, dort gibt es eine machtvolle Bankenlobby, die das nicht will. Denn die verdienen ja viel Geld mit den Zwangsversteigerungen."

Tribeca hat sich mit dem Irakkrieg zum Experimentierfeld für politische Filme gemausert, für kritische Filme, die aber oft nicht in die Kinos gelangen. Zu dieser Kategorie zählen diesmal Defamation, in dem es um Antisemitismus in den USA geht, Rachel über die Friedensaktivistin Rachel Corrie, die von einem israelischen Panzer getötet wurde, In the Loop, in dem James Gandolfino einen amerikanischen General im Dr. Seltsam-Stil spielt, oder Steven Soderberghs The Girlfriend Experience über Call-Girls an der Wall Street. American Casino allerdings hat es geschafft: Der Film wird im September in die amerikanischen Kinos kommen, sagt Cockburn. Und das sei erst der Anfang. "Wir werden noch eine ganze Stampede von Filmen zur Krise sehen."