Er wäre so gern Opernsänger geworden. Die Statur dazu hatte er, James Beard war gewaltig, ein Koloss von einem Mann. Sein dröhnendes Gelächter hatte Wagner’sche Dimensionen, eine Stimme hatte er auch, aber die war nicht ganz so gewaltig. Versucht hat er es, als Sänger wie als Schauspieler, kleine Rollen hat er auch bekommen, ist als Komiker und Kinderunterhalter aufgetreten, hat als Bühnen- und Kostümbildner gearbeitet. Irgendwann musste er einsehen, dass es mit der großen Karriere nichts wird. Mitte 30 war er da – und machte mit seinem eigentlichen Talent Karriere.

Schon als Jugendlicher hatte James Beard mit Vergnügen gekocht, hatte das Gefühl, dass er etwas, was er mal gegessen hatte, reproduzieren konnte, wie ein Musiker eine Melodie, die er gehört hatte. Sein Geschmacksgedächtnis muss phänomenal gewesen sein, immer wieder verblüffte er seine Zuhörer mit minutiösen Berichten von ganzen Menüs, die er Jahre, Jahrzehnte zuvor genossen hatte. Als armer Künstler hatte er schnell gemerkt, dass das Kochen für ihn ein Türöffner sein konnte, eine Eintrittskarte in die Gesellschaft. Jetzt verdiente er sein Geld damit. 1939 eröffnete er mit ein paar Leuten und großem Erfolg eine Cateringfirma in New York, spezialisiert auf Hors d’oeuvres und Canapés, 1940 schrieb er sein erstes Kochbuch, dem zwei Dutzend weitere folgten, dazu Hunderte von Artikeln und die Gründung einer Kochschule, deren Absolventen oft selber als Profis in die Fußstapfen des Lehrers traten.

Beard war ein Geschichtenerzähler, eine große Klatschtante war er auch. Aus dem Stegreif konnte er eine halbe Stunde über Blaubeeren extemporieren, überschlug sich vor Begeisterung, wenn er vom Essen sprach, da war alles göttlich, erhaben, außerordentlich, fabelhaft. Ein Lammgulasch fand er schon mal so wunderbar, dass er es am liebsten geknuddelt hätte. Sein Unterricht wurde zur Performance, mit Wonne vergrub er seine gigantischen Hände im Eischnee: So, nicht mit irgendeinem Küchengerät, erklärte er seinen Schülern, müssten sie das Eiweiß unter das Soufflé heben. "Ihr müsst ein Gefühl dafür bekommen."

Und so wurde er doch noch ein Star, dessen eierförmigen Glatzkopf mit den riesigen Ohren das ganze Land kannte. Sein Markenzeichen war die Fliege, mit der er in der Öffentlichkeit immer auftrat. Allein zu Hause und unter Freunden trug der Koloss am liebsten asiatische Seidengewänder – als Kind in Oregon hatte er sich gewünscht, Chinese zu sein, wovon es in Portland sehr viele gab, "sie waren verständnisvoller, brachten einem mehr Wertschätzung entgegen". Und Verständnis hatte er nötig, denn mit sieben, erklärte er später, habe er schon gewusst, dass er schwul war – wobei seine exzentrische Mutter, die selber Freunde jeder Art hatte, kein Problem damit hatte. Außerdem, fand er, waren die Chinesen fantastische Köche.

Wie jedes Jahr Anfang Mai sind in New York jetzt wieder in seinem Namen die "Oscars of the Food World" vergeben worden. Die Auszeichnungen gelten als die renommiertesten der Branche, wer sie bekommt, trägt sie fortan wie einen Titel vor seinem Namen: "James Beard Award Winner", das klebt so fest an einem Journalisten oder Koch, einem Restaurantdesigner, Kochbuchautor oder Wirt wie an einem Schriftsteller der "Nobelpreisträger". Im historischen Hudson Theater werden die James Beard Media Awards überreicht, die große Gala für Köche und Wirte findet im Lincoln Center statt, in dem auch die Metropolitan Opera residiert. Am 5. Mai ist Beards Geburtstag, sein 106.