Mit Erschrecken beschreibt Oskar Beck (Welt), wie Jürgen Klinsmann in München seinen Ruf verspielt hat und wie wenig Mitgefühl ihm zuteil wird: "2006. Ach, war das ein sorgloser Sommer. Die Sonne hat gelacht, die Wirtschaft gebrummt, die Leute waren gut drauf, der Deutsche als solcher hatte seinen Neid im Griff, der Klinsmann die Gegner, jeden Euro haben wir diesem Bundestrainer gegönnt, er war sein Geld wert und seiner Zeit voraus, die Leitartikler haben ihn gefeiert als Visionär, als Erneuerer, als Triebfeder der Deutschland AG, und sogar der Beckenbauer und die Bild-Zeitung haben sich von ‚Grinsi-Klinsi‘ am Ende anstecken lassen. Klinsmann war der Nabel der großen Gefühle, und das Größte war das Schweigen seiner Feinde. Vorbei. Vergessen. Verjährt. 2009. Ach, was für ein grässliches Jahr. Das Sommermärchen ist dem Albtraum der Wirtschaftskrise gewichen, und die Menschen leiden nicht mit dem Klinsmann, sie haben genug mit sich selbst zu tun. Jeden Tag malen die Leitartikler den Teufel an die Wand, und der geplagte Deutsche als solcher hat auf alle Besserverdiener, Leistungsträger, Manager oder Großkopferte einen solchen Generalgroll, dass er jeden Sündenbock dringend brauchen kann, vom Ackermann bis zum Klinsmann. Zuletzt ist rasend schnell die Zahl derer gewachsen, die schon immer wussten, dass Klinsmann nur ein Westentaschen-Obama ist."

Vom "Fußball-Scharlatan Klinsmann" spricht Rouven Schellenberger (FR) und stellt dessen Scheitern in einen größeren Zusammenhang: "Vor allem ist Klinsmann gescheitert, weil seinem Konzept, seiner Philosophie, seinen Unternehmensberater-Anweisungen der goldene Boden fehlte: gutes Handwerk. Das verbindet ihn mit all den Investment-Bankern, die glaubten, die alten Kaufmannsregeln seien in der schönen, neuen Finanzwelt außer Kraft gesetzt. Die Wirtschaft hat uns in diesem Jahr gelehrt, dass so etwas nur eine Weile gutgehen kann. Der Fußball hat dies nun auch getan."

Spielverderber-Sperrgürtel

Frank Hellmann (FR) macht den 1:0-Sieg des HSV in Bremen an der neuen Aufstellung durch Martin Jol fest: "Alle taktischen Fehler aus dem DFB-Pokal waren im Uefa-Cup mit einem diesmal maßgeschneiderten System korrigiert worden. Silva und Jarolim bildeten den zentralen Spielverderber-Sperrgürtel, in dem sich Diego zerrieb; Trochowski und Pitroipa inszenierten aus einem massierten Mittelfeld zumeist die blitzgescheiten Gegenangriffe, wovon der schönste sodann ins 1:0 mündete."

Bester und motiviertester Spieler des HSV sei Joris Mathijsen gewesen, schreibt Jörg Marwedel (SZ), der aber auch den Schiedsrichter lobt: "Würden alle Referees Spiele so laufen lassen wie der Brite und alle Mätzchen der Profis so gut erkennen, würde der Unterhaltungswert eines Fußballspiels noch einmal gesteigert."

Allwetterteam

Für das 0:0 in Barcelona zollt Ronald Reng (Berliner Zeitung) Chelsea und seinem Trainer Respekt: "Seit er ein vom Weg abgekommenes Chelsea übernahm, hat Guus Hiddink mit ein paar Handgriffen ein exzellentes Allwetterteam geschaffen. Ein Trainer, der Taktik präzise vermitteln kann, erweckt eine Sammlung von Weltklassefußballern ohne Probleme in Tagen wieder; aber es gibt weniger Trainer als man denkt, die das beherrschen. Chelsea, das unter Hiddink meist gefällig angreift, gab im Camp Nou eine feine Kostprobe von Fußballstrategie."

Es geht auch unten ohne

Am vorigen Wochenende haben die Delegierten des DFB-Bundestags den neuen Grundlagenvertrag abgesegnet, der es der DFL gestattet, die Bundesliga besser zu vermarkten. Ab der neuen Saison wird sonntags um 15.30 Uhr, zur Kernzeit der Amateure, angestoßen. Der Protest fiel kümmerlich aus. Wolfgang Hettfleisch (FR) kritisiert die Zustimmung durch die Delegierten: "Wenn der den Amateuren sehr wohlgesinnte Theo Zwanziger mal leise hüstelt, legen sich Millionen Kleinstfunktionäre lieber sofort ins Bett und ziehen sich die Decke über beide Ohren. Denn im DFB ist’s im Grunde wie in der Kirche: Alles Gute kommt von oben. So erklärt sich auch das Abstimmungsergebnis, das sogar altgediente SED-Kader zu Tränen rühren müsste. Macht nur, lautete die sorglose Empfehlung bei einer Enthaltung ohne Gegenstimme. Das Signal an Profifußball- und Fernsehmacher ist fatal: Es geht auch unten ohne, weil die Fußballbasis längst nicht am Ende ihrer Leidensfähigkeit ist. Eine Erkenntnis, die nicht folgenlos bleiben wird."