Wenn Piraten vor Somalia ein Schiff entführen, endet das Drama meist damit, dass die betroffene Reederei nach längerem Feilschen ein Lösegeld bezahlt. Mit dieser Strategie geben sich aber nicht mehr alle Länder zufrieden. So haben die USA und Frankreich inzwischen mehrfach Geiseln auch gewaltsam aus der Hand von Piraten befreit. Nun wollte offenbar auch Deutschland beweisen, dass es eine Alternative zur Lösegeldzahlung geben könnte. Drei Wochen lang wurde eine Geiselbefreiung auf dem seit dem 4. April entführten Containerschiff Hansa Stavanger geplant - und im letzten Moment abgesagt.

Warum wurde der geplante Einsatz der GSG 9 gestoppt?

Das Risiko für die Geiseln war einfach zu hoch. Der Spiegel schreibt, der Krisenstab, dem Staatssekretäre des Innen-, Außen- und Verteidungsministeriums angehören, habe die Aktion Mitte vergangener Woche abgebrochen. Die GSG 9 sollte offenbar mit Unterstützung von Kampfschwimmern der Bundeswehr das entführte Containerschiff Hansa Stavanger entern, und die Geiseln befreien. Dazu habe das Innenministerium die USA um Hilfe gebeten, die ihr Kriegsschiff USS Boxer für den Einsatz zur Verfügung gestellt hätten. Es fehlte der Polizei-Elitetruppe aber nicht nur am Schiff, sondern auch an Transportflugzeugen, um Material in die Nähe des Einsatzortes zu bringen. Die Bundeswehr konnte offenbar nicht aushelfen.

Rund 200 GSG-9-Leute sollen schließlich doch von der kenianischen Hafenstadt Mombasa aus mit Hubschraubern auf dem US-Kriegsschiff gelandet sein. Dann wurde das entführte Schiff nahe der somalischen Küste beobachtet. Doch waren immer nur einige der Geiseln auf Deck, die anderen waren entweder irgendwo im Schiffsrumpf untergebracht oder sind womöglich sogar an Land gebracht worden.

Unter diesen Umständen hätten die USA ihre Unterstützung für die Befreiungsaktion zurückgezogen, berichtet der Spiegel. Der Sicherheitsberater von Präsident Barack Obama, James Jones, habe im Kanzleramt angerufen und mitgeteilt, die USS Boxer werde nach Mombasa zurückbeordert. Man wolle nicht an einem Himmelfahrtskommando beteiligt sein. Daraufhin habe der Krisenstab die Aktion abgeblasen.

Wie schwerwiegend ist der gescheiterte GSG-9-Einsatz im Kampf gegen die Piraten?

Das Internationale Maritime Büro (IMB), das sämtliche Piratenüberfälle weltweit dokumentiert, lobt den internationalen Anti-Pirateneinsatz vor der Küste Somalias als "Schlüssel für die Kontrolle der Piraterie im Golf von Aden". Das sagte IMB-Direktor Pottengal Mukundan, als sein Büro die ersten Zahlen für 2009 vor wenigen Tagen veröffentlichte. Auch die Regierung hält die Mission "Atalanta" für einen Erfolg, sagte Verteidigungsstaatssekretär Christian Schmidt (CSU) dem Tagesspiegel. Die Schiffe, die im Konvoi gefahren und begleitet worden seien, seien nicht von Piraten angegriffen worden.

Dennoch stellt sich die Frage, was "Erfolg" eigentlich heißt. Denn die IMB-Zahlen sind niederschmetternd. Von Januar bis März 2009 hat es weltweit 102 Vorkommnisse gegeben, 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Allein vor Somalia und im Golf von Aden hat es 61 Piratenangriffe gegeben, vor einem Jahr waren es noch sechs gewesen. Jeder achte Angriff führte zu einer "erfolgreichen" Entführung eines Schiffes, berichtet das IMB. 178 Seeleute sind allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres in Geiselhaft somalischer Piraten geraten.

Das Scheitern des GSG-9-Befreiungseinsatzes zeigt, dass sie trotz ähnlicher Einsätze Frankreichs und der USA wohl kaum eine Lösung für das Piraterieproblem sein können. Die Risiken sind hoch, die Einsätze teuer. Bisher hat die internationale Gemeinschaft es nicht geschafft zu beweisen, dass es andere Lösungen gibt, als Lösegeld zu zahlen. Der Grünen-Fraktionsvize im Bundestag, Jürgen Trittin, sagte dem Tagesspiegel, der "Atalanta"-Einsatz sei sinnvoll, allerdings müsse im gleichen Maße an Lösungen für eine Stabilisierung Somalias gearbeitet werden. Dass der noch vor zweieinhalb Jahren in die Nähe von islamistischen Terroristen gerückte Scheich Sharif Ahmed nun als Präsident unterstützt werde, sei "viel zu spät". Bis junge Männer in Somalia mit legalen Jobs rechnen können, von denen sie ihren Lebensunterhalt auch bestreiten können, dürften noch Jahrzehnte ins Land gehen.