Herr Kroetz, über dem Theatertreffen leuchtet in diesem Jahr der Satz, den Christoph Schlingensief von Joseph Beuys geborgt hat: "Zeige deine Wunde, und du wirst geheilt." Können Sie mit dem Gedanken etwas anfangen?

Schmarrn. Vollkommener Quatsch. Es gibt Milliarden von Menschen, die ihre Wunde zeigen und nicht geheilt werden. Aber wie der Schlingensief in seiner Kirche der Angst das Theater benutzt, fast wie einen Notizblock, das hat mir gefallen. Es ist natürlich ein sehr teurer Notizblock, all die Statisten, das muss man sich leisten können. Trotzdem: Von seinem radikal privaten Zugang, der hingeworfenen Frechheit und der großen Angst, die das Ganze zusammenhält, diesem struggle for life, war ich beeindruckt.

Muss der Künstler so radikal privat werden, um wahrhaftig zu sein?

Bei einem Schriftsteller ist es ja so: Wenn er nicht von sich schreibt, ist es langweilig. Wenn er nur von sich schreibt, wird es genauso langweilig. Die Balance zu finden, hat mit Begabung zu tun, mit Genie. Nehmen Sie eine Sängerin wie die Callas. Ich habe das Gefühl, je schwieriger ihr Leben wurde, desto manierierter hat sie einerseits gesungen, und desto privater andererseits. Da hat diese Mischung zum Kunstergebnis geführt. Bei einer anderen hätte man vielleicht gesagt: Wenn die Alte nicht bald von der Bühne geht, schießen wir sie runter! (lacht)

Hat Ihnen die Kunst in schwarzen Phasen geholfen?

Die Kunst hat mich meistens vernichtet. Aber sie hat mich auch am Leben erhalten, weil ich Geld mit ihr verdient habe. Ich habe 2004 aufgehört zu schreiben, und ich bin so was von glücklich seitdem! Ich musste ja lange arbeiten, aber in dem Wissen: Mit 65 gehe ich in eine sehr gut ausgestattete Rente. Am Ende habe ich Szenen 30, 50 Mal umgeschrieben. Irgendwann habe ich mir in meinem relativ großen Arbeitszimmer, auf meinem Bauernhof, aus der Entfernung den Schreibtisch angeschaut und gedacht: Franz, wenn du ehrlich bist, an diesem Tisch finden die letzten Zuckungen eines Geisteskranken statt.

Zuletzt haben Ihre Theaterstücke auch kaum mehr Anklang gefunden.

Meine letzten fünf, sechs Stücke sind toll, aber sie werden vom Theater nicht geliebt, weil sie radikal sind, frech, weil sie wehtun. Attribute, die man heute nicht mehr haben will. Auf der anderen Seite haben sie mich sehr viel Kraft gekostet. Es gibt eine kleine Tagebuchnotiz von mir, aus dem Jahr ’91 oder ’92: Das Schreiben ist keine Selbstverwirklichung mehr, sondern eine Selbstvergiftung.

Waren Sie ausgebrannt?

Wenn man jung ist, bedeutet Schreiben Leben. Sich wehren, Widerstand leisten, die Wirklichkeit ficken. Als Schreiber war man König, man war Cassius Clay! Das hat ein unglaubliches Selbstwertgefühl erzeugt. Aber im Lauf der Jahrzehnte, ich schreibe ja seit über vierzig Jahren, bin ich einfach müde geworden. Es ist mir nicht leichter gefallen, sondern immer noch schwerer.