ZEIT ONLINE: Herr Hoffmann, gestern hat an einem Gymnasium bei Bonn eine 16-Jährige mit einem Messer um sich gestochen und damit Amokalarm ausgelöst. Das Mädchen soll schon im Vorfeld mit Gewalt gedroht haben und hatte sogar einen Gesprächstermin beim Schulpsychologen. Wie kann es passieren, dass jemand seine Tat ankündigt, der Schulpsychologe aufmerksam wird und das Mädchen trotzdem mit einem Messer in die Schule spaziert?

Jens Hoffmann: Es überrascht mich überhaupt nicht, dass das Mädchen die Tat angekündigt hat, dieses Muster finden wir bei vielen Amokläufen. Mit der Bewertung von Fällen aus der Ferne bin ich sehr vorsichtig – es ist hinterher immer sehr leicht zu sagen, der und der ist schuld daran. Ich weiß ja nicht, ob der Psychologe richtig geschult war. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nie, aber mit richtig aufgestellten und gut ausgebildeten Krisenteams kann man die Wahrscheinlichkeit für einen Amoklauf zumindest drastisch reduzieren.

ZEIT ONLINE: Der Innenminister von Nordrhein-Westfalen hat gesagt, es gebe an jeder Schule im Bundesland Ansprechpartner für gefährdete Jugendliche. Zeigt dieser Fall nicht, dass die Krisenteams versagt haben?

Hoffmann: Ich weiß nicht, wie diese Teams aufgebaut waren. Ich kann mich aber an eine Gesprächsrunde nach dem Amoklauf in Winnenden erinnern, in der die hessische Kultusministerin sagte, es gebe in ihrem Bundesland Krisenteams an den Schulen. Tatsächlich wurde einfach an jeder Schule ein Verantwortlicher ernannt. Den Leuten blieb es selbst überlassen, wie sie sich fortbilden.

ZEIT ONLINE: Wie sollte ein funktionierendes Krisenteam denn Ihrer Meinung nach aussehen?

Hoffmann:  Es besteht aus drei bis sechs Verantwortlichen. Wenn ein Jugendlicher auffällig wird, behält ein Fallmanager ihn im Auge und sorgt als Bindeglied dafür, dass die wichtigen Informationen an alle Beteiligten weitergegeben werden. Ein gut vorbereitetes Krisenteam ist innerhalb der Schule und nach außen hin vernetzt mit den Stellen, die im Ernstfall bereitstehen müssen: Schulleitung, psychologische und psychiatrische Berater, Polizei, Sozialarbeiter.  Die Schüler müssen einen Ansprechpartner haben, dem sie Vertrauen entgegenbringen. Hinterher sagen Mitschüler manchmal: Wir wussten nicht, an wen wir uns wenden sollen. Wichtig ist natürlich auch eine kompetente Beurteilung, damit keine unnötige Panik verbreitet wird.

ZEIT ONLINE: Angenommen, ein Schüler bringt eine Waffe in die Schule mit und zeigt sie herum. Wie müsste das Team darauf reagieren?

Hoffmann: Es würde erst einmal den Schüler befragen, der davon erzählt hat: Was ist genau passiert? Dann würde ein Mitglied aus dem Team zu dem Jugendlichen gehen, der die Waffe dabei hatte, und mit ihm sprechen. Dabei lässt sich schnell feststellen, ob die beiden Versionen übereinstimmen. In manchen Fällen muss man den Schüler im Blick behalten, mit Eltern und Lehrern sprechen. Wenn noch mehr Signale auftreten, muss irgendwann die Polizei eingeschaltet werden, die dann zum Beispiel prüft, ob der Jugendliche im Elternhaus Zugang zu Waffen hat.

ZEIT ONLINE: Das Mädchen, das in Bonn den Alarm ausgelöst hat, hatte ein Messer dabei.

Hoffmann: Wer keinen Zugang zu Schusswaffen hat, kann sich natürlich immer andere Waffen verschaffen. Am aktuellen Fall kann man aber sehen, dass ein Amoklauf mit dem Messer weniger Schaden anrichtet.

ZEIT ONLINE: Wenige Tage vor dem Ereignis in Bonn hat sich die Große Koalition auf eine Verschärfung des Waffenrechts geeinigt, um Amokläufe wie zuletzt in Winnenden zu verhindern. Verboten werden soll unter anderem Paintball-Spiele. Außerdem soll es unangekündigte Kontrollen geben, um zu prüfen, ob die Waffen korrekt weggeschlossen sind. Wie bewerten Sie diese Maßnahmen?

Hoffmann: Sehr negativ. Was die Große Koalition beschlossen hat, halte ich für eine symbolische Handlung. Das hat nichts damit zu tun, Amokläufe zu verhindern. Es ist nicht nachvollziehbar, auf welchen wissenschaftlichen Grundlagen diese Maßnahmen basieren. Am absurdesten ist das Verbot von Paintball: Von allen Amokläufern in Deutschland hat nur einer so etwas gespielt. Wenn die Politik wirklich den Weg über das Waffenrecht beschreiten will, gibt es nur eine einzige wirksame Maßnahme: Waffen in Privathaushalten zu verbieten. Das wäre effektiv, es wäre aber auch unpopulär. Ein Verbot von Paintballspielen vergrault wenigstens nicht die eigenen Wählerschichten. Dafür vergrault es aber die Jugendlichen, die sich dafür begeistern – die empfinden ja schon die Diskussion um die Videospiele als völlig realitätsfremd. Je mehr die Erwachsenen ihnen den Eindruck vermitteln, dass sie mit ihrer Lebenswelt nichts anfangen können, desto mehr distanzieren sich diese Jugendlichen von ihnen. Das ist gefährlich, weil wir auf die Hinweise von Gleichaltrigen angewiesen sind, wenn wir potenzielle Amokläufer frühzeitig erkennen wollen.

ZEIT ONLINE: Sie haben in der Zeitschrift Kriminalistik gerade eine Studie veröffentlicht, in der Sie alle bisherigen Amokläufe in Deutschland ausgewertet haben. Können Sie auf Grundlage dieser Daten eine bessere Alternative zur Verschärfung des Waffenrechts empfehlen?

Hoffmann:  In allen bisher ausgewerteten Fällen haben die Amokläufer im Vorfeld ihrer Tat Warnsignale abgegeben. Meistens geben sie Hinweise in der Schule, unter Gleichaltrigen, deswegen muss die Prävention dort ansetzen. Damit müssen die Krisenteams arbeiten.

ZEIT ONLINE: Wie sehen diese Warnsignale aus?

Hoffmann: Vorsicht ist zum Beispiel geboten, wenn ein Schüler vor Gleichaltrigen eine Waffe herumzeigt oder ein auffälliges Interesse an Amokläufen oder Gewalttätern allgemein zeigt. Selbstmordankündigungen oder depressive Stimmung sind ebenfalls typisch für Amokläufer. Für sich alleine genommen macht noch keines dieser Signale einen potenziellen Täter. Erst wenn mehrere davon zusammenkommen, entsteht ein verdächtiges Muster. Amokläufer gehen auch keineswegs immer subtil vor: So wie jetzt in Bonn gab es in vielen Fällen eine exakte Ankündigung der Tat. Man darf dieses Frühwarnsystem aber nicht so verstehen, dass man jemanden mit dem Etikett "Amokläufer" versieht – es ist eher so, dass wir den Weg kennen, der in die psychische Krise führt. Wenn wir jemanden auf diesem Weg abfangen, ist damit allen gedient. Ob derjenige später vielleicht zum Amokläufer geworden wäre, kann man dann nicht mehr sagen. Es wird uns trotzdem immer wieder jemand durch die Lappen gehen.

ZEIT ONLINE: Im aktuellen Fall war es ein Mädchen, das den Amokalarm auslöste. Im Regelfall sind die Täter männlich – weshalb eigentlich?

Hoffmann:  Weltweit gibt es nur vier Prozent Amokläuferinnen. Ich denke, das hat viel mit der männlichen Identität zu tun: Bei Amokläufen geht es darum, ein Gefühl von Ohnmacht und Versagen in Macht und Kontrolle umzuwandeln. Manche bezeichnen das etwas verherrlichend als "Krieger-Identität" – die ist kulturell, vielleicht auch evolutionär bedingt eher männlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass Mädchen auf die gleiche Situation eher suizidal reagieren. Die meisten Amokläufer sind in der Phase vor ihrer Tat sozial vollkommen isoliert. Mädchen sind oft noch eher in der Lage, die verbleibenden sozialen Bindungen zu nutzen und sich rechtzeitig mitzuteilen.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen die Medien?

Hoffmann:  Wer die Amokläufer mit Gesicht und vollem Namen zeigt, der macht sie damit zu Helden. Potenzielle Nachahmungstäter sehen das und begreifen, dass eine solche Tat sie unsterblich machen wird.  Dass wir in Deutschland nach den USA die meisten Amokläufe haben, ist leider auch kulturell bedingt. Das ist ein Effekt wie damals, als Goethe die Leiden des jungen Werther geschrieben hat: Es gibt eine richtige Szene, in der sich Amok-Begeisterte austauschen und gegenseitig bestätigen. Dass die öffentlich-rechtlichen Sender sich entschlossen haben, die Gesichter von Tätern nur noch unscharf und den Namen abgekürzt zu veröffentlichen, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die Amokläufer werden dadurch ent-individualisiert. Es ist erbärmlich, andere Menschen umzubringen, das hat mit Freiheitskampf nichts zu tun – diese Bewertung muss in den Medien noch viel stärker zum Ausdruck kommen.

Das Gespräch führte Josephina Maier.