ZEIT ONLINE: Wie sehen diese Warnsignale aus?

Hoffmann: Vorsicht ist zum Beispiel geboten, wenn ein Schüler vor Gleichaltrigen eine Waffe herumzeigt oder ein auffälliges Interesse an Amokläufen oder Gewalttätern allgemein zeigt. Selbstmordankündigungen oder depressive Stimmung sind ebenfalls typisch für Amokläufer. Für sich alleine genommen macht noch keines dieser Signale einen potenziellen Täter. Erst wenn mehrere davon zusammenkommen, entsteht ein verdächtiges Muster. Amokläufer gehen auch keineswegs immer subtil vor: So wie jetzt in Bonn gab es in vielen Fällen eine exakte Ankündigung der Tat. Man darf dieses Frühwarnsystem aber nicht so verstehen, dass man jemanden mit dem Etikett "Amokläufer" versieht – es ist eher so, dass wir den Weg kennen, der in die psychische Krise führt. Wenn wir jemanden auf diesem Weg abfangen, ist damit allen gedient. Ob derjenige später vielleicht zum Amokläufer geworden wäre, kann man dann nicht mehr sagen. Es wird uns trotzdem immer wieder jemand durch die Lappen gehen.

ZEIT ONLINE: Im aktuellen Fall war es ein Mädchen, das den Amokalarm auslöste. Im Regelfall sind die Täter männlich – weshalb eigentlich?

Hoffmann:  Weltweit gibt es nur vier Prozent Amokläuferinnen. Ich denke, das hat viel mit der männlichen Identität zu tun: Bei Amokläufen geht es darum, ein Gefühl von Ohnmacht und Versagen in Macht und Kontrolle umzuwandeln. Manche bezeichnen das etwas verherrlichend als "Krieger-Identität" – die ist kulturell, vielleicht auch evolutionär bedingt eher männlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass Mädchen auf die gleiche Situation eher suizidal reagieren. Die meisten Amokläufer sind in der Phase vor ihrer Tat sozial vollkommen isoliert. Mädchen sind oft noch eher in der Lage, die verbleibenden sozialen Bindungen zu nutzen und sich rechtzeitig mitzuteilen.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen die Medien?

Hoffmann:  Wer die Amokläufer mit Gesicht und vollem Namen zeigt, der macht sie damit zu Helden. Potenzielle Nachahmungstäter sehen das und begreifen, dass eine solche Tat sie unsterblich machen wird.  Dass wir in Deutschland nach den USA die meisten Amokläufe haben, ist leider auch kulturell bedingt. Das ist ein Effekt wie damals, als Goethe die Leiden des jungen Werther geschrieben hat: Es gibt eine richtige Szene, in der sich Amok-Begeisterte austauschen und gegenseitig bestätigen. Dass die öffentlich-rechtlichen Sender sich entschlossen haben, die Gesichter von Tätern nur noch unscharf und den Namen abgekürzt zu veröffentlichen, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die Amokläufer werden dadurch ent-individualisiert. Es ist erbärmlich, andere Menschen umzubringen, das hat mit Freiheitskampf nichts zu tun – diese Bewertung muss in den Medien noch viel stärker zum Ausdruck kommen.

Das Gespräch führte Josephina Maier.