Wie zwei alte Freundinnen umarmen sie sich: innig, sekundenlang. Beide strahlen. Gesine Schwan hat gerade ihre 30-minütige Gastrede auf dem Parteitag der Grünen beendet. Der Applaus ist kräftig, dauert drei Minuten an. Claudia Roth ist die erste, die es nicht mehr auf ihrem Platz auf dem Podium hält. Sie stürmt nach vorn, fast sieht es so aus, als würde sie die Präsidentschaftskandidatin der SPD erdrücken. Aber wie gesagt: Beide Damen genießen den Moment.

Schwans Auftritt kommt der grünen Führung gelegen. Wenige Minuten davor hat die Parteispitze mehrere Abstimmungsniederlagen kassiert. Im Wahlkampf muss sie nun für einen Mindestlohn von 7,50 Euro und für einen bedingungslosen Grundbetrag für Kinder werben, obwohl sie beides eigentlich ablehnt. Die anfangs fröhliche, konsensorientierte Stimmung war gereizt, drohte zu kippen.

Auch die Delegierten verfolgen Schwans Gastauftritt geradezu dankbar. Hatte sie sich bei den Debatten davor noch lautstark unterhalten oder waren herumgelaufen, ist es während ihrer Rede fast andächtig still im Berliner Velodrom. Nur vom Applaus wird sie mehrfach unterbrochen. So eine ungeteilte Zustimmung hat hier auf dem Podium heute noch keiner der vielen Grünen Redner erhalten.

Schwan tut aber auch alles für das Wohlwollen der Grünen. Schließlich ist sie auf deren Stimmen bei der Wahl im Mai angewiesen. "Großartig" nennt sie deren neues Wahlprogramm immer wieder. Das Vorhaben, eine Millionen Jobs zu schaffen, die moderne Familienpolitik, den Wunsch nach einer neuen Gesellschaftsordnung – all das teile sie "ganz und gar".

"Ihr seid die Vorreiter!", ruft Schwan ins Auditorium. Vieles Progressive habe ihre Partei, die SPD, von den Grünen übernommen: etwa den Klimaschutz oder die Gleichberechtigung. Dass hier auf dem Parteitag ab und an auf die Sozialdemokraten geschimpft werde, finde sie "funktional schon okay". Das sei das Vorrecht einer Oppositionspartei, schäkert sie. Aber die Vergangenheit habe doch bewiesen: "Ihr seid gute Lehrer!"

Mit Verlaub: Die Präsidentschaftskandidatin schleimte. Aber nicht nur. Vermutlich passt Schwan insgeheim wirklich besser zu den Grünen als zur SPD. Vermutlich ist es nicht nur ein Lippenbekenntnis, wenn sie sagt, dass ihr "das Herz aufgehe", weil bei den Grünen so viele junge Männer für Erziehungsurlaub streiten. Lebensweltlich hat die Professorin aus Frankfurt/Oder mit der akademischen, mutikulturellen Ex-Öko-Partei durchaus etwas gemein.

Hinzu kommt ihr schwerer Stand bei der SPD. Zwar wird sie auch auf sozialdemokratischen Veranstaltungen durchaus bejubelt, beim Wahlkampfauftakt der SPD fast mehr als Frank-Walter Steinmeier. Aber genau zu eben diesem Kanzlerkandidaten hat sie auch ein gespaltenes, ja eigentlich ein kaum vorhandenes Verhältnis. Zumindest ist es viel weniger herzlich als zu Claudia Roth. Sie weiß, dass Steinmeier sie als Kandidatin nicht wollte und nun öffentliche Auftritte mit ihr meidet. Er fürchtet, dass Schwan, die auf die Stimmen der Linkspartei angewiesen ist, die Debatte über ein rot-grün-rotes Bündnis am Leben hält. Dem aber will Steinmeier auf keinen Fall vorstehen.