Einen Parteitag ohne Kontroverse, ohne widerspenstige Basis, ohne Streit zwischen Führung und Delegierten wird es bei den Grünen wohl nie geben. Zwar ist das Treffen in Berlin nicht mit den legendären Parteitagen von Magdeburg oder Göttingen zu vergleichen. Damals stimmten die Grünen – zum Entsetzen ihrer Vorsitzenden – für eine drastische Benzinpreiserhöhung auf 5 DM beziehungsweise gegen eine Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr. Aber auch jetzt zeigt sich wieder einmal, dass die Grünen an entscheidenden Punkten gespalten sind und darüber erbittert streiten.

Im Vorfeld des Parteitags hatte die Grünen-Führung die große Geschlossenheit ihrer Partei betont. Zwar gebe es unterschiedliche Auffassungen über den bevorzugten Koalitionspartner. Inhaltlich aber sei sich die Partei so einig wie selten zuvor, sagte der Parteichef Cem Özedemir. Die Flügel spielten kaum mehr eine relevante Rolle. Alle seien sich einig, dass das neue Parteikonzept "für einen neuen grünen Gesellschaftsvertrag spitze" sei.

Wie die grüne Gesellschaft im Detail aussehen soll, darüber gibt es aber doch unterschiedliche Auffassungen. Das zeigten zwei zentrale sozialpolitische Abstimmungen:

 Denkbar knapp fiel die Festlegung auf einen Mindeststundenlohn von 7,50 Euro aus. 305 Delegierte stimmten dafür, 300 dagegen. Die Parteispitze wollte eigentlich auf eine konkrete Zahl verzichten, um nicht in einen Wettlauf mit der Linken zu geraten.

Deutlicher war die Niederlage bei der Frage nach der Kinderpolitik. Die Parteiführung hatte sich im vorläufigen Wahlprogramm für eine "bedarfsorientierte Kindergrundsicherung" stark gemacht. Demnach sollten die Bildungsmöglichkeiten für alle Kinder verbessert werden. Mehr Geld - bis zu 350 Euro insgesamt - sollte es aber nur für arme und armutsgefährdete Kinder geben. Das Modell wurde von Hamburgs Bildungssenatorin Christa Sager und Tarek al-Wazir, dem Grünen-Chef aus Hessen, leidenschaftlich beworben.