Die Vorbereitung von Wahlkampf und Parteitag lief bei den Grünen zunächst alles andere als rund: Zuerst scheiterten die Spitzenkandidaten Renate Künast und Trittin mit dem Versuch, eine Wahlaussage zugunsten einer Ampelkoalition mit SPD und FDP durchzusetzen. Dann musste die Parteiführung ein auf zehn Politiker aufgeblähtes Spitzenteam für den Wahlkampf kassieren. Und unmittelbar vor dem Parteitag befeuerten Forderungen aus der Partei nach einer rot-rot-grünen Koalition die Debatte um mögliche Regierungspartner. Es drohten Schlagzeilen über einen Linksruck statt positiver Kommentare über eine ökologische Wirtschaftspolitik als Ausweg aus der Krise. Manche Grüne fürchteten schon, der Parteitag werde nicht nach dem Motto "Grün dreht das" ablaufen, sondern nach dem Muster "Grün dreht durch".

Ganz so schlimm kommt es dann nicht in der futuristischen Radrennhalle im Berliner Nordosten. Denn der Parteiführung gelingt es, den Antrag der Abgeordneten Thilo Hoppe und Gerhard Schick für Rot-Rot-Grün zu beerdigen, bevor er eingebracht wird. Und so können sich Künast und Trittin am Morgen nach kämpferischen Reden von der Basis feiern lassen. Die unten in der Halle jubeln, als der Ex-Umweltminister mit dem Kapitalismus und der großen Koalition abrechnet. Er geißelt den "blanken Dilettantismus", mit dem das Land regiert werde. Die Grünen-Spitze freut sich schon über einen "Super-Parteitag".

Doch am Samstagnachmittag drehen die Delegierten dann mächtig am Rad – und zwar ganz anders, als die Parteiführung sich das vorstellt. In einer ganzen Reihe von Beschlüssen verweigert der Parteitag dem Bundesvorstand und dem Spitzenduo Künast/Trittin die Gefolgschaft.

Erst setzen die Basisvertreter einen Mindestlohn von 7,50 Euro durch. Die Parteispitze hatte eine konkrete Summe abgelehnt, weil sie nicht in einen Überbietungswettbewerb um das Höchstgebot mit SPD und Linkspartei getrieben werden wollte. Dann folgen Niederlagen, die für die Führung noch schmerzhafter sind: Die Basis schafft kurzerhand sämtliche Medikamentenzuzahlungen sowie die Praxisgebühr ab – ein millardenschweres Wahlversprechen, das schlecht zum Anspruch auf nachhaltiges Wirtschaften passt.