Für den Hamburger SV, der noch vor wenigen Wochen so aussichtsreich im Rennen um drei Titel war, hat die Saison die schlimmstmögliche Wendung genommen: ausgeschieden in zwei Halbfinalspielen – und das gegen Werder Bremen, den Rivalen.

Den Rivalen, von dem man wähnte, ihn hinter sich gelassen zu haben. Und gegen den man nun die zweite Heimniederlage innerhalb von zwei Wochen einstecken musste. An diese Saison wird man, wenn in der Liga nicht noch ein Wunder geschieht, in Hamburg noch nach Jahren mit Schrecken zurückdenken.

"Es tut besonders weh, im eigenen Wohnzimmer zu unterliegen", gab der Vorstandsvorsitzende des HSV, Bernd Hoffmann nach dem Spiel zu. Tim Wiese hingegen, der Bremer Torwart, sagte Bremer Journalisten, die ihn bejubelten, mit breitem Grinsen: "Das ist unser Stadion." HSV-Fans würden ihm für diesen Satz am liebsten seine blonden Strähnchen rausreißen.

Die Stimmung in der HSV-Arena in diesem aufwühlenden Spiel war von Beginn an zweideutig. Einerseits kann ein Publikum eine Mannschaft nicht lauter unterstützen, als es die HSV-Fans taten. Als David Jarolim zu Beginn des Spiels einen Einwurf an der Mittellinie erkämpfte, sprangen die Hamburger im Fan-Block und auf den Tribünen auf und brüllten wie nach einem Tor. Andererseits war das auch ein Zeichen: Die Fans wussten, dass die Mannschaft jede Unterstützung gebrauchen kann. Weil sie es am Ende einer kraftraubenden Saison nicht mehr alleine schafft.

Als der überragende Diego Olic‘ Führungstreffer ausglich und kurz später an die Latte schoss, wurde sichtbar, dass die Entschlossenheit in den Gesichtern der Hamburger bloß die Angst maskierte. Die Bremer Ultras sangen, als es noch 1:1 stand: "Hamburg ist nervös." Und sie hatten recht in einem zweifachen Sinne: Es galt für Spieler und Fans. Etwas später und bis lange nach dem Schlusspfiff hieß es dann: "Und schon wieder kein Finale, HSV!"

Die Sterne stehen im Moment ungünstig für den HSV: im Pokal im Elfmeterschießen verloren, im Uefa-Pokal durch die Auswärtstorregel ausgeschieden, knapper geht es nicht. Das Leid dieser Welt legten die Fußballgötter gestern auf die Schultern Michael Gravgaards: Erst wurde sein Tor durch den kleinlichen Schiedsrichter aberkannt, dann streuten Fans ihm eine Papierkugel in den Weg, woraufhin er die Ecke verursachte, der das dritte Bremer Tor folgte. Aber es war nicht nur Pech im Spiel. Es wurde erneut sichtbar, dass  vom Hamburger Mittelfeld zu wenig Torgefahr ausgeht und dass Marcell Jansen nicht darin geschult ist, wie ein Verteidiger zu laufen und zu stehen.

Als ob alles nicht Strafe genug wäre, muss der HSV am Sonntag erneut nach Bremen reisen. Und sich den Spott der Sieger anhören. Bitter ist es auch deswegen, weil man keine Rache nehmen kann. Werder hat in der Bundesliga geschlampt, es kann nichts gewinnen, und es kann nichts verlieren. Im Gegensatz zum HSV, der sogar noch die Qualifikation für den Europapokal verpassen könnte.

Bremens Sportchef Klaus Allofs bekundete nach dem Spiel Mitleid. Es war ernst und gut gemeint, doch Mitleid ist eine Verliererkategorie. Vielleicht lassen ja die Bremer den HSV am Sonntag gewinnen. Das wäre die Höchststrafe.