Sein Besuch in Jad Vashem war in Israel mit großer Spannung erwartet worden. Doch Benedikt XVI. hatte für die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem nur eine gute halbe Stunde Zeit. Er hielt dort die bisher kürzeste Rede seiner einwöchigen Reise durch Jordanien, Israel und das Palästinensergebiet. Streng nach Plan entzündete er in der "Halle der Erinnerung" eine Flamme, legte einen Kranz nieder, sprach kurz mit sechs Überlebenden des Holocausts und trug sich nach seiner Ansprache in das Ehrenbuch der Gedenkstätte ein.

"Ich bin gekommen, um in Stille vor diesem Monument zu stehen, das errichtet wurde, um der Millionen von Juden zu gedenken, die in der schrecklichen Tragödie der Schoah getötet wurden", sagte der Papst. Diese hätten ihr Leben verloren, doch würden sie niemals ihre Namen verlieren. "Wenn man auf die Gesichter starrt, die in dem Wasserbecken gespiegelt werden, das still in der Erinnerungsstätte ruht, kommt man nicht umhin, sich ins Gedächtnis zu rufen, wie jedes von ihnen einen Namen trägt", sagte der Papst. "Wie wir hier stehen in Stille, hallt ihr Schrei noch immer nach in unseren Herzen." Es sei ein Schrei, der sich gegen jeden Akt der Ungerechtigkeit und Gewalt erhebe.

Das Oberhaupt von weltweit rund einer Milliarde Katholiken sagte weiter: "Die Katholische Kirche empfindet tiefes Mitleid mit den Opfern, deren hier gedacht wird." Benedikt versprach: "Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus bekräftige ich – wie mein Vorgänger –, dass sich die Kirche darauf festlegt, dafür zu beten und unermüdlich zu arbeiten, dass Hass nie wieder die Herzen der Menschen regiere."

Benedikt XVI. knüpfte damit an seinen Vorgänger Johannes Paul II. an. Der war vor neun Jahren in Israel. Im März 2000 hatte er als erster Papst die Gedenkhalle besucht, unter deren Boden Asche-Reste von Toten aus sechs Vernichtungslagern ruhen. Der polnische Papst nahm sich damals wesentlich mehr Zeit als Benedikt für den Termin, der von vielen als der wichtigste Programmpunkt der Reise empfunden wird. Johannes Paul II. unterhielt sich seinerzeit ausgiebig mit KZ-Überlebenden. Als der damalige israelische Ministerpräsident Ehud Barak von seinen Großeltern erzählte, die in Warschau in den Todeszug nach Treblinka gepfercht wurden, wurde Karol Wojtyla von Gefühlen überwältigt - was ihm viele Sympathien eintrug. Für das Verhalten der katholischen Kirche und des damaligen Papstes Pius XII., dem in Israel vorgeworfen wird, nicht genug gegen den Massenmord an den Juden getan zu haben, entschuldigte sich auch Johannes Paul II. nicht, wenngleich er zuvor ein allgemeines Schuldbekenntnis über die Verfehlungen von Christen während ihrer 2000-jährigen Geschichte abgelegt hatte.

In ersten Reaktionen auf Benedikts Rede machte sich in Israel Enttäuschung breit. Im Land war eine andere Rede erwartet worden. Die große Mehrheit der Bevölkerung hatte sich von Benedikt erhofft, er würde persönlicher reden, indem er etwa auf seine eigene Biografie eingehen würde. Ist er doch der erste und auch letzte aus Deutschland stammende Papst, der den Staat Israel besucht und zugleich das Dritte Reich noch erlebte. Als Teenager war Joseph Ratzinger Ende des Zweiten Weltkriegs als Flakhelfer für den Schutz einer BMW-Fabrik bei München eingesetzt worden. 1945 war er für kurze Zeit in amerikanischer Kriegsgefangenschaft.

Es ist bereits absehbar, dass Benedikts Rede in Jad Vashem erneut heftige Debatten auslösen wird: Er legte kein Schuldeingeständnis der Kirche ab. Er sagte nichts über die Versuche, den Holocaust-Leugner und Bischof der Pius-Bruderschaft, Richard Williamson, zu rehabilitieren. Er ließ seine eigene Biografie außen vor.

In einer ersten Reaktion kritisierte der Zentralrat der Juden in Deutschland Benedikts Rede. Man habe sich deutliche Worte zur Piusbruderschaft erhofft, sagte Generalsekretär Stephan Kramer der Nachrichtenagentur ddp. Es reiche nicht aus, dass sich der Papst nur allgemein gegen die Leugnung des Holocaust wende. Bereits seine Rede im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz war umstritten. Benedikt hatte sich damals ausweichend zur Verantwortung der Deutschen für den Holocaust geäußert und das deutsche Volk als Opfer der Nazis dargestellt.

Am späten Vormittag war Benedikt von Amman in Richtung Israel gestartet. In Jordanien hatte er sich drei Tage aufgehalten und unter anderem eine Moschee besucht. Bei seiner Ankunft in Tel Aviv wurde der Papst von Israels Präsident Schimon Peres und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Flugzeug der Royal Jordanian Air begrüßt. Bereits in seiner Rede auf dem Rollfeld kündigte er an, der sechs Millionen jüdischen Schoah-Opfer zu gedenken. Benedikt verurteilte den Antisemitismus. Leider verbreite dieser seine "hässliche Fratze" noch immer in vielen Teilen der Welt. Seine sonst so gleichförmige Stimme hob sich: "Das ist ganz und gar inakzeptabel."

Der Papst sprach sich für die freie Religionsausübung aller drei großen monotheistischen Glaubensrichtungen in der für sie heiligen Stadt Jerusalem aus: "Es ist meine ernste Hoffnung, dass alle Pilger freien und uneingeschränkten Zugang zu den heiligen Stätten haben." Damit machte sich Benedikt auch zum Anwalt der Muslime, die darunter zu leiden haben, nicht an ihre heiligen Orte, etwa auf dem Tempelberg, zu gelangen, sobald Israel etwa den Zugang zum Felsendom und zur Al-Aksa-Moschee aus Sicherheitsgründen, wie es heißt, sperrt.

In Jerusalem wiederholte der Papst die Haltung des Vatikans, zwischen Israelis und den Palästinensern müsse es eine Zwei-Staaten-Lösung geben. Man brauche eine "gerechte und dauerhafte" Lösung, damit "beide Völker in Frieden leben mögen, in ihrem je eigenen Heimatland innerhalb sicherer und international anerkannter Grenzen". Dafür bedürfe es eines Klimas größeren Vertrauens.