Jede Stadt hat ihren Rhythmus. Manche schlafen, andere schlendern, Singapur rennt. Draußen auf dem Meer ziehen Containerschiffe vorbei, ein nicht abreißender Strom, Tag und Nacht. In der Stadt hasten Menschen vorüber, jeder Hautfarbe und Religion, eines aber scheint sie zu verbinden. Keiner, der nachlässig gekleidet wäre, fast keiner, der um ein Almosen betteln würde.

Nichts in dieser Stadt scheint zufällig an seinen Platz geraten zu sein, alles ist geplant, eine steingewordene Designerphantasie. Am einen Ende die Fassaden des Finanzbezirks, dahinter, daneben, darunter unzählige Kaufhäuser, Konsum-Planeten, die einen verschlucken und für Stunden nicht mehr hergeben. Es ist, als wäre der Kreislauf des Geldes beschleunigt, weil in dem Stadtstaat kein Feld und kein Dorf ist, das ihn bremsen könnte. Arbeiten, konsumieren, konsumieren, arbeiten.

So lautete zumindest bis vor kurzem die Erfolgsgeschichte Singapurs. Kein Land gilt laut einer soeben veröffentlichten Studie der Washingtoner Information Technology and Innovation Foundation als innovativer und wettbewerbsfähiger als der Stadtstaat, der sich vor allem auf Finanzdienstleistungen und Hochtechnologie stützt. Nur in der Schweiz gibt es mehr Privatbanken, es sind vor allem Reiche von Peking bis Riad, die ihr Geld in Singapur anlegen. Und mit dem Geld kommen die Menschen. Weniger als die Hälfte der 4,7 Millionen Einwohner Singapurs sind dort geboren und aufgewachsen.

Alle wollten am Aufschwung teilhaben, die Asienkrise der Neunziger hatte Singapur relativ schnell überstanden, noch vor zwei Jahren war die Wirtschaft um 7,8 Prozent gewachsen. Die Nachfrage an Luxusanwesen schien kein Ende zu nehmen. Inzwischen aber bekommen die Makler ihre Villen nicht mehr los. Singapurs Wirtschaft sank im vierten Quartal des vergangenen Jahres um 4,3 Prozent, der Stadtstaat ist eines der Länder der Region, das am stärksten von der Krise betroffen ist. Und das obwohl die meisten der hiesigen Banken mit verseuchten Anlagen wenig zu schaffen gehabt hatten. Doch ist Singapur zu sehr auf den Export angewiesen, zu sehr mit der Weltwirtschaft verstrickt, als dass es von der Krise verschont geblieben wäre.

Was aber wird mit dem perfekt geölten Getriebe geschehen, wenn es länger nicht voran geht? Wenn der Staat das Versprechen nicht mehr einlösen kann, für das er seit der Gründung des modernen Singapur 1965 steht - Wohlstand für alle?

Der Staat in Singapur will den Bürger erziehen, damit er sich ins große Ganze fügt. Das beginnt mit Details. Schulkindern, die zu dick sind, stecken die Lehrer einen Button ans Revers, damit sie in der Schulkantine weder Schokolade noch Fettiges bekommen. Wer nach ein paar Monaten nicht abgenommen hat, wird in Therapie geschickt.

Jedes Wohngebiet wird nach einem bestimmten Schlüssel mit den unterschiedlichen Ethnien besetzt, damit es nicht wieder zu Unruhen kommt, wie damals 1964, als sich Malayen und Chinesen bekämpften, und die malayische Föderation schließlich ein Jahr später das mehrheitlich chinesische Singapur ausschloss, damit sich die Unruhen nicht im ganzen Land ausbreiteten.