Vielleicht ist er der letzte Überlebende. Vielleicht gibt es sonst niemanden mehr, der über das Grauen in Sobibor berichten kann. Von diesem Lager, in dem Zehntausende Juden von SS-Männern und ihren Hilfstruppen ermordet wurden.

Thomas Blatt war 15, als er und seine Familie von den Nazis deportiert wurden. Er überlebte wegen einer Laune des Oberscharführers Karl Frenzel: Der SS-Mann suchte einen Schuhputzer und wählte Thomas Blatt für diese Aufgabe aus. Nach sechs Monaten gelang dem Jugendlichen die Flucht aus dem Lager.

 "Ich bin vielleicht der letzte Gefangene des Todeslagers Sobibor, der die Vernichtungsmaschinerie über sechs Monate hinweg mit eigenen Augen gesehen und überlebt hat", sagt Thomas Blatt.

Am Dienstag sagte er in München als Zeuge vor dem Ermittlungsrichter aus. Seine Aussage über das Leiden im Todeslager kann nun von der Anklage gegen den gestern von den USA ausgelieferten mutmaßlichen Kriegsverbrecher John Demjanjuk genutzt werden, sollte es zu einem Prozess kommen.
 

Thomas Blatt will in dem Prozess als Nebenkläger auftreten und hofft, dass der angeblich schlechte Gesundheitszustand von John Demjanjuk ein Verfahren nicht verhindert. "In diesem Prozess geht es um weit mehr als nur um die gerechte Bestrafung eines Mannes für seine abscheulichen Verbrechen", sagt der 82-Jährige. "Es geht darum, den Weg in die Zukunft zu weisen und auch nach vielen Jahren noch ein sichtbares Zeichen zu setzen, dass die Gerechtigkeit nicht zur Disposition steht."

Das Lager Sobibor wurde von der SS eingeebnet. Es gab lange Zeit keine Gedenkstätte, und Sobibor spielte in der Geschichtsschreibung nur eine untergeordnete Rolle. Thomas Blatt hält heute Vorträge über den Holocaust und seine sechs Monate in der Hölle in dem deutschen Lager in Polen. Er kämpft gegen das Vergessen an.