Wie ein Wächter sitzt der Alte am Tor. Bewegt sich nicht und lässt den Strom an sich vorbeiziehen. Im Staub der Straße liegen auf einem Tuch kleine Schächtelchen in Rot und Grün und Gelb. 500 Sum, 25 Cent will er für ein Kaugummi-Päckchen haben. Niemand bleibt stehen und kauft. Die hastenden Frauen nicht, die das Mittagessen besorgen. Die springenden Kinder nicht, die von der Schule kommen, und die Männer nicht, die murmelnd und singend vorbeischlurfen.

Hier, auf dem Basar von Samarkand, schlägt das Herz der Stadt. Seit vielen Hundert Jahren schon. Hier trifft man jeden, hier gibt es alles, seit die Händler der Seidenstraße Güter aller Art, Gewürze und ihre Kulturen auf dem Basar austauschten. Auf dem Weg von China nach Europa war Samarkand die Station der Karawanen, hier traf die westliche auf die östliche Welt. "Schönste Stadt" und "Spiegel der Welt" wurde sie deshalb genannt.

Mit jedem Meter, jedem Schritt weiter in den Markt, wird das Hämmern der Handwerker lauter, der Dampf dicker und der Gewürz-Geruch intensiver. An einem Stand schichtet ein Mann Melonen, groß wie Autoreifen, zu Türmen auf. Für seine süßen Melonen mit dem saftig-roten Mark ist Samarkand berühmt, genauso wie für das seidene Papier, von dem schon Goethe in seinem West-östlichen Divan schrieb. Denn mit dem Handel kamen und gingen auch die Reisenden und ihr Wissen. Al Fargani, in Samarkand geboren, hat eine der ersten Universitäten gegründet, und Khan Ulugh Beg hat mit seinem Teleskop so präzise die Sterne dokumentiert wie keiner vor ihm.

Heute geht das Land zwischen den anderen "Stans" – Kasachstan und Turkmenistan, Kirgisistan und Tadschikistan, den zerstrittenen Nachbarn – unter. Nur wenige Reisende finden noch den Weg in das Herz Zentralasiens. Usbekistan ist ein Synonym für fern und fremd. Trotzdem ist das Land ein Spiegel der Welt geblieben. Im Osten ist Usbekistan chinesisch, im Süden indisch, im Norden russisch, im Westen arabisch-orientalisch, weil die Grenzen einst willkürlich und  schnurgerade durch die Wüste gezogen wurden. Auf dem Basar von Samarkand spiegeln die Gesichter der Menschen und die Waren der Händler besonders deutlich die verschiedenen Einflüsse wider. Die Kultur der Vielfalt macht den Reiz des Landes aus.

Samarkand ist so alt wie Rom und Athen. Zu ihrer Hochzeit um 1370 war die Oasen-Stadt in der usbekischen Wüste das kulturelle und politische Zentrum Asiens. Alexander der Große und Dschingis Khan haben um sie gekämpft, Timur schließlich – in Europa als Tamerlan bekannt – hat Usbekistans zweitgrößte Stadt sogar zur Hauptstadt seines Reichs gemacht. Er war Herrscher über Persien und die Mongolei, über Zentralasien, den Osten Chinas und den Norden Indiens. In Samarkand, in Buchara und Chiwa leuchten noch immer die gefleckten Fassaden der Moscheen und Medresen, der Mosaike und Kuppeln. Der prächtige Registan, der größte öffentliche Platz der Welt, und Bibi Xanom, die einstmals größte Moschee, sind gut erhalten und erinnern in Samarkand an die Pracht von damals.

Auf dem Basar spannen die Händler mittags Planen auf, um sich gegen die Hitze zu schützen. Der Rauch der Schaschlik-Bratereien zieht über die Stände hinweg, der Geruch von Gebratenem vermischt sich mit dem hellen Klingeln eines Hammers, der auf Metall schlägt.