So etwas hat es in Bremen bislang noch nicht gegeben. Drei Jungen im Alter von elf und zwölf Jahren schlichen sich da zu nächtlicher Stunde auf den Hof eines Automobilwerks — und nicht etwa, um ihrer Leidenschaft für schnelle Wagen auf stille und verhältnismäßig harmlose Weise zu frönen. Nein, ihnen ging es darum, der Begeisterung für donnernde Motoren ganz ungehemmten Lauf zu lassen. Das Ergebnis dieser Exkursion in verbotene Gefilde war denn auch danach: Fünfzehn Kleinwagen wurden mehr oder minder zu Bruch gefahren. War es jugendlicher Übermut, simpler Betätigungsdrang oder, ganz einfach die auch bei älteren Semestern anzutreffende "Auto-Sehnsucht", die hier den Anstoß gab? Wahrscheinlich werden sich Psychologen des Falles annehmen müssen, um die letzten Motiv-Verästelungen zu klären.

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Die Umstände freilich waren den drei auto-besessenen Steppkes bei ihrem Vorhaben hold. Der Werkshof lag fernab von der Wachzentrale, die Tanks der in Reih und Glied aufgestellten Exportfahrzeuge enthielten je einen halben Liter Benzin, und die Zündschlüssel steckten in den Schlössern.

Von Skrupeln nicht geplagt, schwangen sich die Jungen also in die Wagen und brausten los. Was kümmerte es sie, daß es hier und da Beulen oder Schrammen gab? Zusammenstöße wirkten nicht ernüchternd, sondern im Gegenteil stimulierend. Heile Autos standen ja noch genug herum.

Ein Drahtseil zumal, das Arbeiter vor einen Teil der Wagen gespannt hatten, beflügelte die Phantasie der drei Steppkes. "Wollen mal sehen, was so ein Auto aushält", rief einer. Seiner Sache sicher, schlug er die Tür zu, gab Vollgas und fuhr gegen das Seil, das ächzend nachgab. Noch immer war der Weg allerdings nicht frei. Also noch einmal! Jetzt gelang es. Ein in die Erde gerammter Eisenpfahl riss aus der Verankerung, und wie ein Pfeil schoß der Wagen nach vorn – geradewegs gegen ein abgestelltes Fahrzeug.

Damit war der nächtliche Spuk nach dreißig Minuten auch schon zu Ende. Im Laufschritt nahte ein durch das Motorengebrumm aufgeschreckter Wächter. Mit äußerster Mühe konnte er im letzten Augenblick noch zwei der Übeltäter bei ihrer Flucht über den hohen Werkszaun fassen. Den dritten ergriff wenig später die Polizei.

Strafmündig sind die Jungen noch nicht. Also werden die Eltern den Schaden ersetzen müssen. (DIE ZEIT, 18/1959)