Es dürfte in Deutschland nur sehr wenige Menschen geben, die noch nie in einem dieser Autos mitgefahren sind: in einem VW Golf der eckigen ersten Baureihe. Von 1974 bis 1983 hatte Volkswagen das Modell hierzulande im Angebot. Doch was kaum jemand wissen dürfte: In Südafrika wird der kantige Ur-Golf immer noch produziert und unter dem Namen "Citi Golf" als preisgünstiges Einstiegsmodell verkauft.

Doch auch damit soll es demnächst ein Ende haben, nach einer Gesamtbauzeit von mehr als 35 Jahren. Die Werksleitung in Uitenhagen bei Port Elizabeth will zwar noch kein konkretes Datum nennen, macht aber klar, dass die Zeit für den Ur-Golf auch am Kap abläuft. Das Werk richtet sich gerade mit einem Aufwand von rund 275 Millionen Euro neu aus – da ist für den Klassiker kein Platz mehr.

Rechnet man alle bisher sechs Modellgenerationen zusammen, dann ist der Golf das meistverkaufte Auto aller Zeiten. Eckig, kantig und auf Anhieb erfolgreich kam der Ur-Golf 1974 in Deutschland auf den Markt. In Europa längst ausrangiert, wird das Auto in der südafrikanischen Werkshalle heute weitgehend von Hand gemacht. Spötter behaupten, der Anteil an Handarbeit käme dem eines Rolls Royce nahe. Es wird gehämmert, geschweißt und gebohrt. Eine deutsche Automobilzeitschrift behauptete vor kurzem sogar als Aprilscherz, VW erwäge den Deutschland-Import des preisgünstigen Einsteigermodells.

Zum 35. Golf-Geburtstag stören die Pläne für eine Einstellung der Produktion am Kap die Feierlaune. Es gab sie immer wieder mal, doch nun will man ernst machen, versichert man bei VW in inoffiziellen Gesprächen. Noch vor dem Jahresende soll das endgültige Aus für den Wagen kommen, der sich bisher unter dem Namen "Citi Golf" weiterhin als einer der populärsten Kleinwagen in Südafrika hält. Als Zielgröße im Gespräch ist bisher Ende August, Anfang September.

Einer der Gründe: Der Ur-Golf ist seit seiner Einführung in Südafrika 1978 technisch nahezu unverändert geblieben. Einige Details wurden optisch überarbeitet und in der jüngeren "Citi Golf"-Generation gibt es neben dem serienmäßigen Radio nun sogar einen Airbag. Aber die Ausstattung des kleinen Flitzers bleibt dennoch weit hinter den Sicherheitsstandards in Europas heutigen Kleinwagen zurück. Aber aller Argumente zum Trotz – Südafrikas VW-Chef David Powels ahnt bereits: "Wir werden zweifellos einige negative Reaktionen erhalten, weil der Wagen noch viele Fans hat."

Und "Citi-Golf"-Liebhaber müssen nicht automatisch Nostalgiker sein. Denn mit einem Kaufpreis von unter 10.000 Euro war der fabrikneue Klassiker in Südafrika bisher ein finanzierbares Einsteiger-Modell für die 25- bis 34-Jährigen. Diese Altersgruppe mit einem Durchschnittseinkommen zwischen 5000 und 10.000 Rand (650 -1300 Euro) monatlich stellt die größte Gruppe der "Citi Golf"-Fahrer, hieß es 2005 in einer VW-Studie. Begonnen hatte alles 1978, vier Jahre nach dem Produktionsstart in Deutschland. Damals liefen am Kap die ersten Golf-Modelle vom Band. Alle Varianten eingerechnet kam der am Kap gebaute Ur-Golf auf mehr als 500.000 Exemplare. Ein Grund für seine Erfolgsgeschichte ist der mehr als ungenügende öffentliche Nahverkehr in Südafrika, der einen eigenen fahrbaren Untersatz unentbehrlich macht.

Auch bei den zahlreichen Touristen steht der Kleinwagen als preiswerter Mietwagen hoch im Kurs. Der heute als "Citi Golf" vermarktete Typ verdrängte mit seinem Frontmotor den populären VW-Käfer von der Spitzenposition und wurde schnell zum Marktführer seiner Klasse. Als der Nachfolger des legendären Käfers im Jahr 1974 anrollte, bildete das eckige Design-Konzept eine klare Zäsur zu den Rundungen des vorherigen Erfolgsmodells. Der Käfer-Ersatz sollte an die einzigartige Erfolgsgeschichte des VW Käfers anknüpfen, aber einen vorne eingebauten, Wasser gekühlten Vierzylinder bekommen.

Karosserie-Stylist Giorgio Giugiaro zeichnete für das Design mit verantwortlich - der Golf I wurde auf Anhieb ein Bestseller. Schon im Oktober 1976 waren bereits eine Million Exemplare verkauft. Der Nachfolger Golf II kam 1983 auf den Markt, 1991 der Golf III, bevor der Golf Nummer IV dann schaffte, was kaum jemand für möglich gehalten hatte: im Jahr 2002 sorgte er dafür, dass die Golf-Reihe mit 21.517.415 Exemplaren den Käfer übertraf. Mittlerweile ist die sechste Generation unterwegs.