SPD-Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan hat eine Woche vor der Wahl des Bundespräsidenten um Unterstützung durch die Freien Wähler geworben. Ihrer Ansicht nach würde die bayerische Wählergruppierung davon profitieren, wenn sie für sie stimmen würde. "Als Politikwissenschaftlerin überlege ich mir natürlich, wie sich die Freien Wähler am besten gegen die Attacken der CSU wehren sollen", sagte sie dem Tagesspiegel. "Schließlich sind sie eine unabhängige politische Kraft."

Schwans Kandidatur gegen Amtsinhaber Horst Köhler wird von SPD und Grünen unterstützt. In der Bundesversammlung stellen die beiden Parteien 514 von insgesamt 1224 Delegierten – und damit nicht die für den ersten oder zweiten Wahlgang erforderliche absolute Mehrheit von 613 Stimmen. CDU, CSU und FDP stellen 604 Delegierte. Die Freien Wähler aus Bayern, die ebenfalls Köhler präferieren, kommen auf zehn Stimmen. Die Linkspartei, die den Schauspieler Peter Sodann aufstellt, schickt 90 Vertreter. Der frühere Tatort-Kommissar, dessen Kandidatur als aussichtslos gilt, könnte diese allerdings nach dem ersten oder zweiten Wahlgang zurückziehen.

Schwan rechnet damit, dass neben den Stimmen von SPD und Grünen "die Stimmen für die Mehrheit eher von der Linkspartei kommen". Sie wies Vorwürfe aus den Reihen der Union zurück, dass damit eine Koalition auf Bundesebene vorweggenommen werden solle. "Rot-Rot-Grün im Bund wird es in den kommenden Jahren auch nicht geben", sagte Schwan. Es werde aber – unabhängig davon, ob sie gewählt werde oder nicht – eine "Rote-Socken-Kampagne gegen die SPD" geben. "Sie wird allerdings nicht mehr verfangen", sagte sie voraus.

Schwan lehnte den Begriff Unrechtsstaat für die DDR ab. "Er impliziert, dass alles unrecht war, was in diesem Staat geschehen ist. So weit würde ich im Hinblick auf die DDR nicht gehen", sagte sie. Die DDR sei kein Rechtsstaat gewesen. "Sie war ein Staat, in dem Willkür und Unsicherheit begünstigt wurden. Die Justiz war ausdrücklich ein Instrument der SED und damit nicht unabhängig." Das heiße aber nicht, dass jede Handlung etwa im Arbeits- oder Verkehrsrecht unrecht war.

Führende Unions-Politiker warnten die SPD davor, Köhler mit den Stimmen der Linken aus dem Amt zu wählen. CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer forderte die SPD auf, "im Interesse ihrer Glaubwürdigkeit" Schwan zurückzuziehen. Unions-Fraktionschef Volker Kauder unterstellte dem Koalitionspartner, nach der Bundestagswahl eine Zusammenarbeit mit der Linken anzustreben. "Wer bei einer vergleichsweise bescheidenen Machtfrage mit den SED-Erben paktiert, wird es bei der eigentlichen Machtfrage erst recht tun – entgegen allen Schwüren", sagte Kauder dem Hamburger Abendblatt. SPD-Chef Franz Müntefering wies dies zurück. Bei der Bundespräsidentenwahl gehe es um eine Persönlichkeitswahl.