Indien, die größte Demokratie der Welt, hat gewählt – ganz anders, als viele prophezeit hatten. Wo alle Fachleute eine weitere Zersplitterung der Parteienlandschaft erwarteten, die Fortführung entscheidungsschwacher, reformlahmer Koalitionen und eine hindunationalistische, kastenlastige Radikalisierung, hat sich das Wahlvolk – 714 Millionen Wahlberechtigte, von denen 430 Millionen (gleich 60 Prozent) ihre Stimme abgaben – für die Mitte, für Stabilität und Regierungsgeschlossenheit entschieden. Das Wahlergebnis markiert das Ende einer langen Phase der Schwäche, des ewigen Kuhhandels im Regierungslager und der Blockade aller fortschrittlichen Initiativen.

Der 76-jährige Premierminister Manmohan Singh hat dem Kongress  – der politischen Heimat Gandhis und Nehrus – das beste Ergebnis der zurückliegenden 20 Jahre beschert: 206 Sitze in der Lok Sabha, dem Unterhaus, 61 mehr als vor fünf Jahren. Für eine Regierungsmehrheit braucht es 272 Stimmen – die Partner der Vereinten Fortschrittsallianz und einige unabhängige Abgeordnete werden sie leicht aufbringen. Schon Mitte dieser Woche könnte die Regierungsbildung abgeschlossen sein.

Die hinduistische Bharatya Janata Party hingegen, die größte Oppositionspartei, wurde vom Wähler auf 116 Mandate gestutzt – die geringste Fraktionsstärke seit dem Beginn der hetzerischen Hindutva-Welle vor 20 Jahren. Vor allem jedoch haben die Inder den vielerlei Regionalparteien, vier verschiedenen kommunistischen Gruppierungen und den politischen Kasten-Vertretungen eine Absage erteilt. Auch die Chefministerin des größten Bundesstaates, die "Unberührbare" Miyawati, erlitt herbe Einbußen. Damit zerbarst ihr Traum, mit Unterstützung der neuen "Dritten Front" in Delhi das Ruder zu übernehmen.

Das Wahlresultat, befand der Indian Express, signalisiere das Ende einer Politik des Gejammers und den Beginn einer Politik der Hoffnung. Die Kongresspartei wurde belohnt für ihr Pochen auf "Inklusion", die Einbeziehung der Minderheiten, zumal der Muslime, die sich vom bigotten Hindutum bedroht sehen, und für ihren Einsatz zugunsten der 800 Millionen Armen, die noch immer von weniger als zwei Dollar am Tag leben müssen. Diesen Fußkranken des Fortschritts hat der Staat unter Führung der Kongresspartei letzthin mit mehreren Programmen unter den Arm gegriffen: Lebensmittelverteilung an 160 Millionen Bedürftige; 100 Tage Arbeit jährlich für 36 Millionen Familien auf dem Land; Schuldenerlass für weitere 35 Millionen Bauernfamilien; hohe Subventionen, um den Reispreis niedrig zu halten. Insgesamt profitierte die Hälfte der 220 Millionen Familien des 1,1-Milliarden-Volkes von solchen Programmen. Zugleich kamen die Auswirkungen der Wirtschaftsreformen und der Öffnung Indiens zur Welt, eingeleitet 1991 von Wirtschaftsminister Manmohan Singh, den rund 300 Millionen Indern zugute, die inzwischen der Mittelklasse zugerechnet werden.

Der Sieg der Kongresspartei ist nicht zuletzt dem bemerkenswerten Einsatz von Rahul Gandhi zu verdanken. Der 38-Jährige – Sohn der Kongress-Chefin Sonia Ghandi, einer Italienerin –  vertritt die fünfte Generation der Nehru-Gandhi-Dynastie. Er hat sich vor fünf Jahren eher zögerlich in die Politik gestürzt; seine Großmutter Indira Gandhi wie sein Vater Rajiv Gandhi waren Attentaten zum Opfer gefallen. Im größten Staat der Indischen Union – Uttar Pradesh mit seinen 200 Millionen Einwohnern – erlebte er zunächst nur Enttäuschungen, aber jetzt ist es ihm gelungen, die Stimmenzahl der Kongresspartei zu verdoppeln. Er ist weltläufig, hat in Harvard und Cambridge studiert und nahm vor vier Jahren unprätentiös und lernbegierig an der Bucerius Summer School in Hamburg teil. Zugleich ist er bodenständig, obendrein umgänglich, zäh, organisationsbegabt und redegewandt – der neue Stern am politischen Firmament Indiens. Allgemein wird spekuliert, dass er jetzt ins Kabinett eintritt und im Laufe der neuen Wahlperiode den heute 76-jährigen Ministerpräsidenten Singh ablöst.

Die Erwartungen an die neue Regierung sind hoch. Nicht nur muss der Reformprozess, der im Koalitionsgerangel der vergangenen fünf Jahre zum Erliegen kam, aufs Neue in Gang gebracht werden. Indien hat ihn bitter nötig. Die ökonomische Infrastruktur – Straßen, Bahnen, Häfen, Flughäfen, Elektrizitätsversorgung  –  ist trotz löblicher Anstrengungen so unzureichend wie die gesellschaftliche Infrastruktur: Bildung und Ausbildung, Gesundheitswesen und Sozialfürsorge. Im Human Development Index der Vereinen Nationen steht Indien unter 174 Ländern an kläglicher 132. Stelle. Vor den Indern liegt auf jeden Fall noch ein gewaltiges Stück Entwicklungsarbeit.

Daneben bedarf die Wirtschaft dringend eines Anschubs. Bisher erwirtschaften in Indien 17 Prozent der Weltbevölkerung lediglich zwei Prozent des Weltsozialprodukts. Ihr Anteil am Welthandel steckt hartnäckig bei ein Prozent fest. Das Prokopfeinkommen liegt bei kargen 939 Dollar (China: 1740 Dollar).