Die Bemühungen Präsident Obamas um ein besseres Verhältnis zum Iran wie zum Islam werden überschattet von der Drohung Israels, bei einem Scheitern der amerikanischen Strategie, die iranischen Atomanlagen auf eigene Faust mit einem Luftangriff soweit wie möglich auszuschalten.

Zwar wird diese Drohung bisher nur angedeutet. Im vergangenen Jahr unternahm die israelische Luftwaffe entsprechende Manöver, und die Regierung Olmert bat Washington erfolglos um grünes Licht für einen möglichen Militärschlag. Kürzlich hat der neue israelische Außenminister Avigdor Lieberman, der Anfang Mai die europäischen Hauptstädte bereiste, sich sogar angeblich von derartigen Plänen distanziert.

Aber kaum einer in den Hauptstädten des Westens zweifelt daran, dass Israel zum Äußersten entschlossen bleibt, eine iranische Atombombe zu verhindern. Wenn es auf absehbare Zeit nicht gelinge, das iranische Atomprogramm durch Verhandlungen oder den Druck von Wirtschaftssanktionen aufzuhalten, werde Israel es militärisch versuchen.

Es verlangt wenig Vorstellungskraft, sich die Folgen eines israelischen Militärschlags gegen den Iran auszumalen: Sie wären katastrophal. Scheint die iranische Führung heute noch unentschlossen, ob sie ihre nuklearen Anstrengungen tatsächlich für militärische Zwecke nutzen will, gäbe es nach einem solchen Angriff, der nie das gesamte iranische Potenzial ausschalten könnte, kein Halten mehr.

Nicht nur in der islamischen Welt würden die USA mit dem Vorgehen Israels identifiziert, selbst wenn Washington noch so inständig jede Mitwirkung oder Billigung in Abrede stellte. Obamas entschlossener Versuch, das Verhältnis des Islams zum Westen zu entkrampfen, wäre auf Jahrzehnte vergiftet, er selbst als Heuchler bloßgestellt. Der Strudel der Volkswut würde die Regierungen von Kairo bis Riad erfassen, die für enge Beziehungen zu den USA stehen, und die Regime womöglich davonschwemmen. Und Israel würde seinen bisherigen Befürwortern in Amerika und Europa noch weiter entfremdet.

Kein Wunder, wenn angesichts solcher Folgen mancher Hardliner in Teheran, von al-Qaida nicht zu sprechen, einen Militärschlag Israels durchaus herbeiwünschen könnte. Aber wer meint, westliche Regierungen würden nun umgekehrt alles daran setzen, Israel von solchen Plänen abzubringen, der irrt. Deren Reaktion schwankt vielmehr zwischen Resignation in das vermeintlich Unabwendbare, seine Instrumentalisierung, um Unterstützung für schärfere Sanktionen gegen den Iran zu organisieren, und der verwegenen Hoffnung, die israelische Drohung könne die amerikanische Verhandlungsposition gegenüber dem Iran stärken - als ob bisher Sanktionen oder das ständige Säbelrasseln von Obamas Vorgängern Teheran zum Einlenken veranlasst hätten.

Diese Halbherzigkeit wirkt für die Falken in Israel als Ermutigung. Avigdor Lieberman gab sich vor einem Jahr schon überzeugt, dass "Europa und die USA zu uns stehen werden, wenn wir allein gegen den Iran vorgehen". Wer dieses Schreckensszenarium verhindern will, muss deshalb schon jetzt der Regierung in Jerusalem klipp und klar mitteilen, dass der Westen einen israelischen Luftschlag gegen den Iran verurteilt. Mehr noch, er muss, um damit in Israel ernst genommen zu werden, glaubhaft machen, dass er Israels Sicherheit nur dann weiter stützen wird, wenn Jerusalem diesem Wunsch entspricht.

Den Mut dazu wird vor allem die Regierung in Washington aufbringen müssen, deren Politik in der gesamten Region vor dem Scheitern steht, macht Israel seine Drohung wahr. Aber auch die Regierung in Berlin darf es an Deutlichkeit nicht fehlen lassen. Die Existenz des jüdischen Staates ist zu Recht Teil deutscher Staatsräson. Das kann und darf jedoch nicht bedeuten, Israel durch Stillschweigen zu einer Gefährdung deutscher und westlicher Interessen geradezu zu ermutigen.