Der VfL Wolfsburg gilt trotz lediglich zwei Punkten Vorsprung seit dem 5:0-Sieg in Hannover als Fast-Meister. Auch die Presse holt die Vorabwürdigungen aus der Schublade. Christian Eichler (FAZ) betont Systemunterschiede in der Trainerfrage: "Nicht das Modell Klinsmann, das System Magath wurde zum Gewinner der Saison – nicht der große Innovator und Dirigent von Kompetenzteams, sondern der Boss alter Prägung, der alle Fäden in der Hand hält und die Kargheit der Kommunikation als Stilmittel ausspielt."

Doch muss der VfL Wolfsburg seines attraktiven Stils zum Trotz noch immer mit Vorbehalten leben. Einen giftigen Kommentar verfasst Jan Christian Müller (FR), indem er auf die mutmaßliche Abneigung vieler Fans gegen das traditionslose Produkt Wolfsburg zielt: "Nächste Woche könnte eine im Reagenzglas der VW-Labors geplante Meisterschaft gefeiert werden, dummerweise gibt es aber wenig Grund, dass sich die ganze Republik mitfreut. Bundesligaspitzenfußball oder – brrrrrr, noch schlimmer – Champions League in Wolfsburg ist eine völlig überflüssige Angelegenheit. So überflüssig wie das in der Regel gähnend leere Factory Outlet in Bahnhofsnähe. So überflüssig gar, dass selbst der Trainer sich auf und davon macht. Wenn man mal ausnahmsweise vorurteilsfrei darüber nachdenkt, kann man sich ein bisschen mitfreuen: Danke, ihr Wolfsburger Söldner, dass ihr die Liga ordentlich aufgemischt habt. Aber einmal reicht."

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Spitzer wendet es das Feuilleton der FAZ am Sonntag. In der schöngeistigen Kolumne Pro & Contra schleichen Peter Körte und Volker Weidermann um die Frage, ob Wolfsburg in Zukunft eine größere Rolle in diesem Land spielen soll. Körte hält es mit dem Trainer: "Kann diese Stadt das symbolische Upgrading überhaupt verkraften, welches sie von der Peripherie ins Zentrum der Öffentlichkeit schleudert? Wäre es da nicht besser, vom großen Ironiker Magath zu lernen, der sich nun schnell wieder aus dem Staub (der niedersächsischen Steppe) macht? Vermutlich wäre es das – wenn denn Magath nicht ausgerechnet nach Gelsenkirchen ginge." Auch Weidermann kommt nicht an Magaths Scheidungswunsch vorbei: "Was ist das für eine Stadt, in der der mögliche Meistertrainer in den Tagen vor dem unwahrscheinlichsten Triumph, den die Geschichte des deutsche Fußballs je geschrieben haben wird, sich zu einem chaotischen Oligarchenklub im Ruhrgebiet davonmacht?"

Hertha BSC hingegen wird doch kein Meister, und Katrin Weber-Klüver (Financial Times Deutschland) kann sich gut damit anfreunden: "Schön erspielt wurden Herthas Siege selten. Meist wurden sie mehr errungen durch Konzentration und Disziplin. Das gab den Träumen vom Titel Stoff, Substanz gab es ihnen nicht. Die Sehnsucht der Stadt nach einem Titel, die Bereitschaft zur Hingabe unter dem Publikum, das in der Rückrunde immer zahlreicher wurde, war doch weitaus größer als Leistung und Leidenschaft der Spieler. Man träumt in Berlin gern von Sommermärchen. Träumen allein reicht nicht. In einer Saison, die aller Voraussicht nach von überragenden Stürmern entschieden wird, war Herthas Rasenschach mit zwei launischen Angreifern in labilen Arbeitsverhältnissen zu wenig. Und das, das ist auch gut so."

Vor den "Scherben eines harten Jahres" (FAZ) steht der HSV nach dem 0:1 gegen Köln. Der Kampf um drei Titel hat ihn verschlissen. In den Zeitungen ist erstmals von Dissonanzen zu lesen. Trainer Martin Jol fordert mit einer "vollen Breitseite gegen die Vereinsführung" neue Spieler, die Mannschaft um Frank Rost schließt sich an, Sportchef Dietmar Beiersdorfer wehrt sich, Boss Bernd Hoffmann kritisiert die Mannschaft. In der taz liest man: "Irgendwie haben die Hamburger alles richtig gemacht. Und trotzdem stehen sie vor dem Nichts."

Rainer Schäfer (Berliner Zeitung) fühlt mit den Hamburgern, wirft ihnen aber mangelnde Einheit vor: "Eine Saison, die verheißungsvoll begonnen hatte, die der HSV bis Anfang Mai bravourös gestalten konnte und die jetzt im Horror endet. In der Schlussetappe, die Belohnung für eine Tortur von Saison vor Augen, ist der HSV außer Kontrolle geraten. Die Niederlagen gegen Bremen haben mehr Wirkung gezeigt als vermutet. Am Ende dieser brutalen Spielzeit hören sie auf, miteinander zu agieren, Fans und Spieler, Trainer und Vorstand, auch der Vorstand untereinander."

Frank Heike (FAZ) ergänzt ein Deja-vu: "Man hat den Eindruck, beim HSV kämpft jetzt wieder einmal jeder gegen jeden, um den eigenen Ruf zu retten. Das erinnert an die Endzeit unter Thomas Doll. Es war schon sehr bitter, wie die Profis nach einer an sich großen Saison mit Pfiffen verabschiedet wurden."