Mit Zuschauer fragen – Bundeskanzlerin Merkel antwortet startet RTL am Sonntag um 21.45 Uhr in das Superwahljahr 2009. Obama ist das Vorbild: In dem Bürgertalk, dem in den USA populären, sogenannten Town-Hall-Meeting-Format, stellt sich auch Angela Merkel vier Monate vor der Bundestagswahl erstmals direkt den Fragen eines Studiopublikums, moderiert von Maria Gresz (Spiegel TV) und RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel. Rund 100 Bürger haben in der 75-minütigen Sendung aus dem RTL-Hauptstadtstudio die Gelegenheit, mit der Kanzlerin "über all die politischen Fragen zu diskutieren, die ihnen besonders unter den Nägeln brennen", wie der Privatsender ankündigt.

Die Regeln

Natürlich kann bei so einer Live-on-Tape-Sendung (die Runde wird um 16 Uhr aufgezeichnet) mit der Kanzlerin nicht jeder ins Studio. Man stelle sich vor, ein Autonomer hat Zutritt und wirft ein Ei. Die RTL-Zuschauerredaktion teilte Interessierten mit, dass man sich erst mal erklären solle: "Wir möchten wissen, warum Sie die Bundeskanzlerin treffen wollen? Sagen Sie uns kurz, wer Sie sind, schildern Sie uns ihre persönliche Situation und formulieren Sie Ihre Frage". Es wurden Menschen eingeladen, die Fragen an die Politik und an die Bundeskanzlerin haben, sagt Kloeppel, "etwa zur Finanzkrise, natürlich auch zum Arbeitsmarkt". Aber keine "Kraut-und-Rüben-Fragerunde", bei der es in der ersten Frage um die Wirtschaftskrise und in der zweiten um die Präferenz des Urlaubsortes ginge. Zu zehn Themenblöcken haben schon mal 15 Zuschauer Fragen vorbereitet.

Trotzdem setzt Kloeppel auf ein gewisses Maß an Spontaneität. "Wir würden uns wünschen, dass Angela Merkel die Gelegenheit nutzt, mit den Wählern in direkten Kontakt zu treten. Die Bundeskanzlerin ist eine Profi-Politikerin und wird damit umzugehen wissen. Ich denke nicht, dass sie sich streiten will mit ihren potenziellen Wählern, aber einer Meinung muss man ja auch nicht immer sein." Inhaltliche Vorgaben, Wunschfragen seitens des Kanzleramtes habe es nicht gegeben.

Die Kanzlerin wird sitzen, wie bei Anne Will neulich. "Wenn sie einmal aufstehen möchte, um mit den Menschen in einen intensiveren Dialog einzutreten – sehr gerne." Aber sie werde nicht die ganze Zeit, wie das US-Präsident Barack Obama kürzlich in Straßburg getan hat, mit einem Mikrofon in der Hand durch den Saal gehen.

Vorbild US-Wahlkampf

Das klassische amerikanische Town Hall Meeting kennt keinerlei Regeln. Jedes Mitglied einer Gemeinde darf Fragen stellen, seine Meinung äußern oder einfach nur den Antworten der Repräsentanten lauschen. Diese Zusammentreffen haben in den USA eine sehr lange Tradition. Die Teffen dienen nicht nur dem Meinungsaustausch, damit sollen Politiker auch zu aktuellen Fragen beeinflusst werden. Diesen Austausch wünscht sich auch RTL-Chefredakteur Kloeppel, der im Idealfall auf einen echten Dialog zwischen Angela Merkel und den eingeladenen Bürgern hofft. Der Erste, der das in einem US-Präsidentschaftswahlkampf ausprobiert hatte, war Jimmy Carter während seiner Kampagne von 1976, in der er sich gegen Gerald Ford durchsetzte.

Im Wahlkampf 2008 stellten sich Obama und sein Konkurrent von der republikanischen Partei, John McCain, nur beim zweiten Kandidatenduell einem Town Hall Meeting. Nach seiner Wahl hat Obama diese Form des Bürgerdialogs erweitert. Erstmals stellte sich mit ihm ein US-Staatschef direkt den Online-Fragen von Bürgern. Über 93.000 Menschen schickten dabei über 104.000 Fragen, darunter auch eine, die ein Journalist ihm vermutlich nicht gestellt hätte. Obama blieb gelassen: "Ich weiß nicht, was die Frage über das Online-Publikum aussagt, aber ich glaube nicht, dass die Legalisierung von Marihuana eine gute Strategie zur Ankurbelung der Wirtschaft ist", sagte er im März.

Erste Erfahrungen mit Town Hall Meetings hat RTL bereits 2002 gesammelt, als dieses Format mit Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und seinem Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) ausprobiert wurde. "Das war auch deswegen interessant, weil Fragen anders gestellt wurden, als man es sonst aus dem journalistischen Geschäft kannte. Es war auch eine Möglichkeit, die Politiker mal von einer etwas anderen Seite kennenzulernen", erinnert sich Kloeppel.

Die Fernseh-Kanzlerin

Für Angela Merkel bietet das Town Hall Meeting zwei große Chancen: Erstens kann sie durch das direkte Gespräch mit den Bürgern Nähe suggerieren und zeigen, dass sie sich auch jenseits des "Raumschiffs Kanzleramt" mit den Problemen der Menschen auseinandersetzt. Zweitens muss sie sich nicht wie beim TV-Duell auf ihren Gegenkandidaten konzentrieren, sondern kann ihre Politik erläutern. "Politikern ist das Townhall-Format lieber: Die Fragen sind nicht so scharf, es gibt keine bissigen Nachfragen, es simuliert Bürgernähe", sagt Medienexperte Michael Spreng.