In Rollstühlen, mit und ohne Gehstock sind sie gekommen, lange vor Beginn. Das Thema des geselligen Abends lautet: "Tannhäuser im Venusberg". Nicht in jedem Altersheim könnte man mit Wagners folgenschwer verirrtem Ritter ein so zahlreiches Publikum locken. Aber was heißt Altersheim? Dies hier ist eine Residenz, eine Seniorenresidenz in Berlin.

Nach den ersten Klavierakkorden leiser Unglaube: Ist das wirklich Tannhäuser?, flüsternd weitergegeben an den einzigen Nichtsenioren ringsum. Der hat unlängst einen der großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts filmisch porträtiert und dafür viele Preise bekommen, ihn kann man fragen. Aber Igor Heitzmanns bald 40-jähriges Jungengesicht nimmt einen Ausdruck fröhlichster Unbekümmertheit an: "O, das weiß ich auch nicht!"

Der es wüsste, ist oben auf seinem Zimmer geblieben. Er verlässt es kaum noch. Der große Dirigent, der Maestro wohnt jetzt hier. Mit dem Tannhäuser begann einst sein Erfolg in Bayreuth. Otmar Suitner hat noch immer den ganzen Wagner im Kopf, er könnte den vollständigen Ring von seinem Zimmer aus dirigieren und müsste kaum in die Partitur sehen. Aber der ganze Venusberg seniorengerecht auf einem Flügel? Und wenn nun ein Ton nicht stimmt, zu schnell kommt oder zu langsam, zu laut ist oder zu leise? Nein, lieber nicht runtergehen. Doch die Töne fragen nicht, ob sie willkommen sind. Sie dringen durch seine Tür im dritten Stock. Unten steht der Regisseur des Dirigentenfilms leise auf. "Ich geh’ lieber wieder hoch!", sagt er.

Igor Heitzmann ist Otmar Suitners Sohn. Sein Film Nach der Musik ist jetzt im Kino. Jede Musik handelt im Grunde von Ankunft und Abschied, jede Musik ist Preisgabe. Nach der Musik ist es auch. Ein Erinnerungsstrom in Bild und Ton. Auch Filme sind Kompositionen und klingen, wenn sie gut sind. Dieser klingt.

Es geschieht nicht oft, dass ein West-Sohn einen Ost-Vater hat. Igor Heitzmann, Jahrgang 1970, ist ein ganz normales West-Berliner Kind. Sein Vater kam meist am Sonnabendnachmittag über die Grenze, am Sonntag um 16 Uhr ging er wieder. Manchmal kam er über Monate gar nicht. Da reiste Otmar Suitner mit seiner Ost-Berliner Staatskapelle durch die Welt. Nur um Westdeutschland und West-Berlin machte er meist einen Bogen. Allerdings kommt der Mann, der das älteste Orchester Berlins länger leitete als Richard Strauss, nicht aus dem Osten. Otmar Suitner ist Innsbrucker. Fast 30 Jahre lang war der Österreicher Generalmusikdirektor in Ost-Berlin.

Seltsam, dass das Einheitsdeutschland ihn nach 1990 nicht gefragt hat, was er sich wohl dabei gedacht hat. Es konnte in diesen Dingen ungemein unnachsichtig sein. Diente er nicht, wie man sagt, einem Unrechtsstaat? Und rede sich kein Musiker mit der Musik heraus, befinden die Nichtmusiker aller Zeiten.

Vielleicht hatte Suitner damals keine Lust zu antworten. Er machte 1990 dasselbe wie die DDR: Er verschwand einfach. Und da über Nacht so vieles verschwunden war, merkten viele das erst später. Und da fiel ihnen auf, dass sie im Grunde nichts über ihn wussten.

"Das ging mir genauso!", hat sein Sohn vorhin gesagt, auf dem Weg zum Vater in der Residenz. "Darum musste ich diesen Film machen."

Bis vor kurzem hat Otmar Suitner mit seiner Frau in der Residenz gewohnt. Im Film ist die Österreicherin Marita Suitner noch zu sehen. Sie ist, Jahrgang 1924, im vergangenen Jahr gestorben. Igor Heitzmann ist nicht ihr Sohn. Er ist der Sohn der Frau, die gerade am Fenster steht, die Marita und Otmar Suitner vor vier Jahren daran hinderte, weiterzuleben wie immer: pendelnd zwischen Ost-Berlin und Wien. Ihr braucht Hilfe!, hat Renate Heitzmann, Igors Mutter, gesagt. Denn Otmar und Marita Suitner waren beide krank.

Auch Renate Heitzmann gehört schon seit fast einem halben Jahrhundert zu Otmar Suitners Leben, und darum gehörte sie auch zu dem seiner Frau Marita. Nach seinem Bayreuther Tannhäuser hatte er sie kennengelernt. Eine Germanistikstudentin, Praktikantin im Festspielbüro. Die beiden Frauen wussten von Anfang an voneinander. Dieses Zweipluszwei-Leben, das vielen so unlebbar-kompliziert scheint, hat einen einfachen Grund. Im Film passt er in einen einzigen Satz: Otmar Suitner verlässt niemanden. Keine Frau, eigentlich nicht mal ein Orchester.

Er wirkt noch immer wie ein Repräsentant, ist von einer fast sanften Autorität. Die wenigen Schritte vom Sessel zum Esstisch in dem sparsam möblierten Zimmer fallen ihm schwer. Seine hellen großen Augen unter den starken Brauen haben noch immer den aufmerksamen Blick des Allesüberschauers. Schließlich muss man notfalls ein ganzes Orchester nur mit den Augen dirigieren können. Ja, man dirigiert vor allem mit den Augen.