Mit der Feder einen Kosmos zu erschaffen – das gelang nur wenigen Meistern, Saul Steinberg zum Beispiel, Edward Gorey oder, auf ganz andere Weise, dem göttlich frechen Jean-Marc Reiser. Oder eben Paul Flora. Hell und licht ist sein Universum, von ausgelassener Schwebelust erfüllt und zugleich ein Paradies der Schatten. Kolossale Städte und kolossale Frauen gehören zu diesem Kosmos, Karnevalsspuk und Geisterhäuser, fröhliche Eulen und Raben und traurige Gaukler, Schattengewächse aller Art (Geheimagenten, Feldherrn, Dichter, Huren), in übermütiger Schwermut vereint. Und immer wieder die Landschaft am Meer, mysteriös und klar, klirrend, dunstig, darin die unendliche Linie der Natur, Horizont und Ufer, die alles trennt und alles miteinander verbindet.

Eine der Formen, die Paul Flora für seine Welt fand, hieß Venedig. Die Lagunenrepublik war der Ort in der Realität, der dem Ort seiner Fantasie am nächsten kam. Venedig, das lebenssüchtige und das todesgeile, hat er in vielen grandiosen Blättern zu seiner Stadt verwandelt. Es sind Tuschzeichnungen und Radierungen, in denen Floras Kunst der Schraffur, der Kolorierung, der Beleuchtung bis an die Grenzen des Wahrnehmbaren geht. Hier scheint die Linie des Lebens und der Schönheit (und der Kunst) zu verschwimmen und sich aufzulösen. Tod und Leben gehen ineinander über, der Tag erlischt, die Nacht beginnt zu leuchten.

Paul Floras früher Strich – Schnitt und Naht, er ist der Sohn eines Arztes – war an der Karikatur geschult. In den sechziger Jahren hat er vor allem für unsere Zeitung gezeichnet, seine Adenauers, Erhards und Brandts, seine Chruschtschows und de Gaulles gehören längst zur Politkunstgeschichte. Schon damals machte er sich darüber hinaus als freier Zeichenkünstler einen Namen; Hermann Hesse, Kästner, Dürrenmatt priesen seine Werke. Album auf Album ist seit 1953 im Zürcher Diogenes Verlag erschienen, es gab Ausstellungen ohne Zahl, den üblichen Orden und Ehrenzeichen entging er nicht. Geboren 1922 in Südtirol, hat Flora, nach dem Studium der Kunst in München, den größten Teil seines Lebens in Nordtirol, in Innsbruck, verbracht – ein kantig-klarer, ein bergfester Mann, den allein das Widersprüchliche und Zarte, das Zwielichternde und Skurrile interessierte, das Gewesene, Vergehende und Grau und Schwarz in allen ihren Farben.

Es ist diese Welt, eine glühend und leuchtend schraffierte Welt unter den Fittichen der Zeit, die er in Tausenden Blättern schuf: seine Welt, die er uns hinterlässt, nachdem er unsere Welt am 15. Mai im 87. Lebensjahr verlassen hat.