Nun also ist sie raus, die Schreckenszahl. Um geschätzte 316 Milliarden Euro werden die Steuereinnahmen des Bundes in den kommenden fünf Jahren sinken. Die Finanzkrise reißt ein tiefes Loch in den Bundeshaushalt; allein in diesem Jahr fehlen noch einmal Steuereinnahmen von 45 Milliarden Euro. Um dieses Loch zu stopfen, wird die Neuverschuldung dramatisch steigen.

Um einem populären Missverständnis vorzubeugen: Staatsschulden sind nicht per se schlecht. Es gibt Situationen, in denen der Staat in finanzielle Vorleistung gehen kann – und muss. Dann nämlich, wenn Unternehmen und Bürger nicht mehr investieren. So wie jetzt. Hinzu kommt: Die Bundesregierung war nahe dran, zum ersten Mal seit 40 Jahren überhaupt wieder ohne neue Schulden auszukommen. Unter der Großen Koalition ist die Neuverschuldung deutlich gesunken. Wenn der Schuldenstand jetzt steigt, dann geschieht dies von einem international vergleichsweise niedrigen Ausgangsniveau.

Und dennoch werden die kommenden Jahre dieses Land verändern. Das hat zwei Gründe.

Erstens: Die Spielräume im Haushalt werden so eng wie nie. Die Krise ist ja nicht zu Ende, sie wird erst in den kommenden Monaten zu deutlich steigenden Arbeitslosenzahlen führen. Dann gerät der Finanzminister gleich von zwei Seiten unter Druck. Er muss mehr Zinsen bezahlen (für die neuen Schulden) – und mehr für die Arbeitslosen. Schon heute sind das die beiden größten Ausgabenblöcke im Etat. Vor Ausbruch der Krise hatte Peer Steinbrück den Begriff von der "gestaltenden Finanzpolitik" geprägt. In der Krise wird der Gestaltungsspielraum immer kleiner.

Das zweite Problem: Das Gesellschaftsmodell der Bundesrepublik ist auf Wirtschaftswachstum aufgebaut. Gut ging es dem Land immer dann, wenn es mehr zu verteilen gab. Das haben die Jahre 2006 und 2007 gezeigt. Deutschland profitierte vom weltweiten Aufschwung, die Exporte stiegen und die Arbeitslosigkeit sank. Die Regierung konnte die Mehrwertsteuer erhöhen und die Mehreinnahmen dazu nutzen, um die Neuverschuldung zu senken und gleichzeitig zu investieren – etwa in den Ausbau von Kindertagesstätten oder ins Elterngeld. Nur einmal musste eine Bundesregierung bislang in einem Abschwung harte Einschnitte vornehmen: 2003 war das, als Gerhard Schröder die Agenda 2010 durchsetzte. Das Resultat: soziale Widerstände, Schröders Abwahl – vor allem aber: mehr Ungleichheit in der Gesellschaft.

Was also passiert, wenn es absehbar auf Jahre hinweg kaum Wachstum geben wird? Steuersenkungen jedenfalls, wie sie Union und FDP jetzt propagieren, werden sich auf keinen Fall finanzieren lassen. Im Gegenteil: Für Spitzenverdiener und Teile der Mittelschicht werden die Steuern sogar steigen. Die Politik wird dazu eine Kraft aufbringen müssen, die sie bisher nicht hatte. Sie wird das Sozialsystem erhalten müssen, auch wenn die Wirtschaft stagniert – und sie muss finanzielle Prioritäten setzen: Wofür gibt es noch Geld? Und, vor allem, wofür nicht?

Jetzt, in der Finanzkrise, büßen die Deutschen nicht für die Fehler der vergangenen drei Jahre. Sie büßen für die fehlerhafte Politik eines ganzen Vierteljahrhunderts. Viel zu lange hat man in Deutschland versäumt, auf die absehbar sinkenden Geburtenzahlen zu reagieren. Viel zu lange wurde zu wenig in Bildung und Forschung investiert. Und viel zu lange haben sich deutsche Regierungen und Wirtschaftslobbyisten auf dem vermeintlichen Ehrentitel des Exportweltmeisters ausgeruht statt die Binnennachfrage zu stärken. Auch deswegen gehört Deutschland im internationalen Vergleich zu den großen Verlieren der Krise.

Es wird also weniger zu verteilen geben. Allerdings: In der Regierung hat man das offenbar noch nicht verstanden. In den aktuell laufenden Haushaltsverhandlungen fordern alle Kabinettsmitglieder mehr Geld. Als ob es überhaupt nicht nötig wäre, bei knapper Haushaltslage Prioritäten zu setzen.