ZEIT ONLINE: Michael Müller, es geht für Sie zurück Richtung Heimatkontinent. Mit welchen Erwartungen stechen Sie in Boston Richtung Irland in See?

Michael Müller: Alle Europäer an Bord freuen sich, wieder nach Hause zu segeln. Und die anderen freuen sich natürlich auch auf Europa. Dort hat für uns im vergangenen Oktober in Alicante alles begonnen. Das war super. Boston ist allerdings auch nicht schlecht. Aber wir segeln jetzt in den europäischen Frühling, nach Irland, Schweden und Russland. Das wird bestimmt gut.

ZEIT ONLINE: Ihr Team ist derzeit Dritter. Sehen Sie noch eine Chance, die Ericsson 4 an der Spitze einzuholen?

Müller: Der Punkteabstand ist schon relativ groß. Mathematisch ist die Chance zwar noch da, aber da muss schon sehr viel Glück für uns ins Spiel kommen – und sehr viel Unglück für die anderen.

ZEIT ONLINE: Wie lange werden Sie bis zum Etappenziel im irischen Galwick brauchen?

Müller: Zwischen neun und zehn Tagen. Es kommt halt auf’s Wetter an. Und bei einer Nordatlantiküberquerung um diese Jahreszeit muss man auf alles gefasst sein.

ZEIT ONLINE: Sie sind seit dem 11. Oktober bislang sechs Etappen gesegelt: von Europa über Afrika, Indien, Singapur, China und Rio de Janeiro nach Boston. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Müller: Eigentlich hat es immer Spaß gebracht. Was wir gesehen haben, kann man in keinem Urlaubskatalog buchen. Aber es gab natürlich auch Momente, in denen man sich wünscht, dass alles sofort vorbei ist. Auf der vierten Etappe von Singapur nach China beispielsweise hatten wir sehr viel Wind von vorne, die Wellenbedingungen waren unpassend für die Boote. Da mussten wir regelrecht bremsen, sonst hätten wir unser Boot zerstört und wären nicht heil angekommen. Zudem war im Februar Winter in China. Wir hatten weniger als 10 Grad. Und wenn man dann auf dem Wasser ist und ständig nass, dann ist das schon frisch. Ich bin wirklich ein begeisterter Segler, aber nach diesen drei Wochen war ich heilfroh, als wir im Ziel waren.

ZEIT ONLINE: Auf dem zweiten Teilstück von Kapstadt nach Indien mussten Sie relativ dicht an der somalischen Küste vorbei. Hatten Sie Angst vor den Piraten?

Müller: Wir hatten schon im Trainingslager über dieses Thema gesprochen – allerdings mehr um die Piraten in der Straße von Malakka. Diese Meerenge im südchinesischen Meer gilt als der gefährlichste Wasserweg der Welt. Und wir mussten da auf unserem Weg von Indien nach Singapur durch. Vor den somalischen Piraten wurden wir in Kapstadt eindringlich gewarnt. Dort hatten wir extra ein Piraten-Seminar. Da wurde allen erzählt, was wir im Notfall zu tun hätten. Aber letztlich haben wir keine Piraten gesehen.

ZEIT ONLINE: Und in der Straße von Malakka?

Müller: Da sind ganz viele Fischer unterwegs. Teilweise waren mehr als fünfzig Boote am Horizont. Da könnte durchaus ein Piratenboot dabei gewesen sein. Aber von denen hatte keiner Interesse an uns. Allerdings waren wir alle etwas aufgeregt, als wir uns den ersten Booten genähert hatten und haben genau hingeguckt, was passiert.

ZEIT ONLINE: Haben Sie für den Notfall Waffen an Bord?

Müller: Nein. Aber es ist ja generell die Frage, was Piraten von uns wollen? Unser gefriergetrocknetes Essen etwa oder getragene, durchnässte Klamotten? Bei uns ist ja nicht viel zu holen. Wir haben nicht mal einen Fernseher oder ein Radio. Unter Deck ist alles spartanisch. Zwei Leute teilen sich eine Liege, jeder hat ein halbes Kissen und die Dusche ist direkt über dem Klo. Bei unserem Rennen geht’s darum, schnell zu sein, und deshalb wurde auf jeglichen Komfort verzichtet. Denn der wäre nur Zusatzgewicht.