Es ist der größte Sieg der Kongress-Partei seit 30 Jahren, ein völlig unerwartetes Votum für die Erben Nehrus und Indira Gandhis. Gestern noch dachten die indischen Meinungsforscher, es werde keinen klaren Wahlsieger geben, viele neue Parteien würden ins Parlament einziehen und Indien stehe eine schwierige, wenn nicht gar unmögliche Regierungsbildung bevor. Die Wähler aber dachten anders. Sie erteilten dem amtierende Premierminister Manmohan Singh und seiner von Sonia Gandhi geführten Kongress- Partei ein klares neues Mandat.

Dabei tun die Inder jetzt, als hätten sie das Wahlergebnis schon vorher gewusst. "Natürlich haben wir den Wahlsieg der Kongress-Partei erwartet. Wir sind die größte Demokratie der Welt. Da liegen die Umfragen immer falsch," sagt Kapil Jain, 25 Jahre, Angestellter beim japanischen Handelsriesen Mitsui. Jain wartet vor Sonia Gandhis Gartenzaun in Delhi, um einen Blick auf die Wahlsiegerin werfen zu können. Aber außer ihm warten nur Journalisten. Nicht einmal in Delhi, der Hauptstadt und Hochburg der Kongress-Partei, feiern die Bürger das Wahlergebnis. Nur vor dem Haus Sonia Gandhis tanzen ein paar vereinzelten Grüppchen von Wahlhelfern vor den Kameras der internationalen Fernsehteams – damit es wenigstens so aussieht, als würden sich einige freuen. Ansonsten gilt: cool bleiben. Er scheint so, als sei es die normalste Sache der Welt, dass die Partei der Nehru-Erben immer noch Indien regiert. Und jetzt noch fünf weitere Jahre.

Mit mehr als 90 Prozent der Stimmen gewannen die Kongresspartei und ihre Wahlverbündeten 260 von 543 Sitzen, nur zwölf weniger als für die absolute Mehrheit erforderlich. Das Oppositionsbündnis unter Führung der national-hinduistischen Partei (BJP) kam nur auf 162 Sitze, die Koalition der Linksparteien, darunter die Kommunisten, nur auf 77 Sitze. Damit dürfte es der Kongresspartei mit Hilfe unabhängiger Abgeordneter und regionaler Kleinstparteien ohne Probleme gelingen auch die nächste Regierung zu bilden.

"Die Macht der Regionalparteien hatte zuletzt völlig unverhältnismäßig zugenommen. Sie konnten die Kongresspartei bei jeder Gelegenheit erpressen. Davon haben die Inder genug gehabt", sagt Peter deSouza, Leiter des Indian Institute of Advanced Study. Er sieht eine Umkehrung der bisherigen Trends, der die kleinen Parteien immer als Sieger sah und das Regieren in Delhi immer schwieriger machte. "Die Kongresspartei hat sich durch ihren Wahlsieg neu erfunden. Das System ist damit stabilisiert", sagt deSouza.

Andere sehen die Verjüngung der Wählerschaft als entscheidenden Grund für den Wahlsieg der Kongresspartei. "Wir waren diesmal 40 Millionen Erstwähler, und wir wollten Fortschritt statt Religion, Modernisierung statt Kastenwesen", sagt der 22-jährige Student Dilnawaz aus Moderabad in der Provinz Uttar Pradesh. Aus seiner Sicht steht die hinduistische Opposition für Religionspolitik, beschränken sich die vielen oppositionellen Regionalparteien auf Kastenpolitik. Nur die Kongress-Partei hätte ein umfassendes Modernisierungsprogramm – und Rahul Gandhi. Der Sohn Sonias ist für Dilnawaz der heimliche Wahlsieger des Tages, wegen seiner promimenten Rolle im Wahlkampf.

Ähnlich sieht es vermutlich auch Janardan Dwivedi, der Generalsekretär der Kongress-Partei. Der ergraute Politikfuchs gibt am Abend des großen Wahlsiegs seiner Partei eine Pressekonferenz. Doch siehe da: Die Lautsprecheranlage funktioniert nicht. Keiner hat sie vorher ausprobiert. Nun mühen sich die Techniker, neue Mikrofonkabel zu verlegen. Stumm sitzt Dwivedi lange Minuten auf dem Podium im Hauptquartier der Kongresspartei. Hinter ihm hängen verblichene Porträts von Sonia Gandhi und ihrem ermordeten Mann Rajiv. Wie ein Neuanfang wirkt das alles nicht. Indien setzt auf das Altbewährte.