ZEIT ONLINE: Frau Wang, wegen Ihrer souveränen Klaviertechnik tragen Sie den Spitznamen "fliegende Finger". Fürchten Sie nicht, dass das Publikum von Ihnen nur noch halsbrecherische Virtuosenstücke hören möchte?

Yuja Wang: Was die Zuhörer erwarten, ist nicht immer das, was ich selbst möchte. Vor ein paar Jahren hat es mir noch großen Spaß gemacht, vor allem virtuose Transkriptionen zu spielen. Immer nur technische Höchstschwierigkeiten zu meistern, genügt mir aber nicht mehr. Ich widme mich inzwischen viel lieber tiefgründigerer Musik, für die man ein großes Einfühlungsvermögen braucht. Das heißt nicht, dass ich die anderen Stücke nicht mehr anfasse. Große Pianisten wie Rubinstein haben sie schließlich auch gespielt – allerdings nur als Zugaben.

ZEIT ONLINE: Auf Ihrer neuen CD Sonatas & Etudes kombinieren Sie die Zweite Klaviersonate von Chopin mit Ligeti-Etüden, frühen Werken von Scriabin und der monumentalen h-Moll-Sonate von Liszt.

Wang: Die Liszt-Sonate ist mir schon lange vertraut. Sie steckt voller Kontraste und ist so komplex wie ein ganzes Leben. Durch mein Spiel möchte ich sowohl Licht als auch Schatten ausdrücken. Das Stück von Chopin habe ich ausgesucht, weil er seiner Zeit damit weit voraus war. Vor allem der letzte Satz beeindruckt mich sehr. Scriabins frühe Kompositionen gefallen mir besonders, weil sie in gewisser Weise an Chopin anknüpfen. Dazwischen kommen sechs Ligeti-Etüden, sie sind erfrischend bei so viel schwerer Kost!

ZEIT ONLINE: Sie haben als Kind in China mit dem Klavierspiel begonnen. Mit welcher Musik sind Sie zuerst in Berührung gekommen?

Wang: Mein Vater ist ein Jazztrommler und meine Mutter eine Tänzerin. Durch sie habe ich schon ganz früh Tschaikowsky kennengelernt. Er war mein Held, ich liebte Schwanensee! Als Kind habe ich auch getanzt und gemalt. An eine Pianistenkarriere hat bei mir niemand sofort gedacht. Mein erster Lehrer hat mir sogar vom Klavierspiel abgeraten. Er sagte, ich hätte zu dünne und schwache Finger.

ZEIT ONLINE: Das würde jetzt wohl niemand mehr behaupten. In Bologna hatten Sie kürzlich mit Prokofjews Drittem Klavierkonzert großen Erfolg. Wie war die Zusammenarbeit mit Claudio Abbado, mit dem Sie im Sommer auch beim Lucerne Festival auftreten?