Mein Kumpel Cemal und ich sitzen im Straßencafé, strecken unsere Glieder der Frühlingssonne entgegen und spielen digitale Boheme. Mitspielen kann, wer ein MacBook besitzt und weder eine Milchunverträglichkeit ("Einen Latte macchiato, bitte!") noch eine Altersvorsorge hat.

Cemal ist heute nicht bei der Sache. Er hat einen Brief vom türkischen Konsulat erhalten, in dem er mehr oder weniger höflich aufgefordert wird, 5000 Euro für die Ehre eines (verkürzten) Militärdienstes in der Türkei zu zahlen. Cemal hat weder das Geld noch Lust auf einen vierwöchigen Fake-Militärdienst mit ungenießbarem Essen und auf nach Männerschweiß riechende Kasernen. Mein Kumpel liest die Men´s Vogue und weiß, zu welchem Hemdkragen ein doppelter Windsorknoten passt. Durch den Schlamm robben steht nicht auf der Hot-Liste der Vogue.

Also muss Cemal Deutscher werden. Er ist in Deutschland geboren, aber türkischer Staatsbürger. Wäre er in Frankreich geboren, so wäre er jetzt durch Geburt Franzose. Wir sind aber in Deutschland und Deutschsein ist nicht so billig zu haben. Da kann ja jeder kommen.

In diesem Land muss man erst mal deutsche Werte wie Treue und Loyalität unter Beweis stellen, indem man seinen Herkunfts-Pass abgibt. Das deutsche Staatsbürgerschaftsrecht zementiert nationalstaatliche Vorstellungen des 19. Jahrhunderts, die seltsam antiquiert wirken in einer globalisierten Welt.

Aber es gibt Ausnahmen in der Einbürgerung, man könnte es auch ein Zwei-Klassen-Recht nennen: EU-Angehörige, Schweizer und in vielen Fällen Spätaussiedler dürfen ihren Pass behalten und trotzdem Deutsche werden.

Alle anderen müssen sich erst mal ausbürgern lassen. Das bringt aber Nachteile mit sich, zum Beispiel wenn man in der Türkei Rentenansprüche oder Land besitzt. Das hält viele von diesem Schritt ab.

Cemal besitzt weder das eine noch das andere, trotzdem hat er nie den deutschen Pass beantragt. Dass er nicht wählen darf, obwohl er hier lebt, arbeitet und Steuern zahlt, regt ihn nicht auf, weil er sich für Politik nicht interessiert. Eine politische Klasse, deren einziger gut angezogener Vertreter ausgerechnet Herr Westerwelle ist, macht ihn misstrauisch.

Ohne den drohenden Militärdienst in der Türkei würde er den deutschen Pass nicht beantragen. Warum eigentlich nicht? "Ja, Cemal, warum hast du keinen deutschen Pass?" – "Warum sollte ich, was bringt das? Werde ich denn dadurch als Deutscher wahrgenommen?" Mein "natürlich!" kommt nicht entschieden genug aus meinem Mund, gerät ins Trudeln und plumpst in den  Latte macchiato. Wir schweigen, schauen beide in den Milchkaffee und wechseln das Thema.