Es gibt ein paar Worte, die ihren Weg aus dem Deutschen in die Sprachen der Welt gefunden haben. Der Kindergarten beispielsweise reiste ins Amerikanische, der Schlagbaum wanderte ins Russische aus, der Bagger ins Arabische, der Besserwisser ins Schwedische. Sie alle sagen viel über die deutsche Seele und wie andere Völker uns sehen. Genau wie das wohl bekannteste deutsche Lehnwort, die "German Angst".

Es mag sein, dass wir derzeit mit unseren Ängsten nicht mehr Weltmeister sind, sondern international nur noch im Mittelfeld liegen, es mag sein, dass wir in der weltweiten Krise erstaunlich gelassen bleiben, ja geradezu eine "German Lässigkeit" an den Tag legen, wie der Berlin-Korrespondent der New York Times, Roger Cohen, vor einiger Zeit in der Süddeutschen Zeitung schrieb.

Doch vielleicht liegt das nur daran, dass all die anderen angesichts der Katastrophen ihren grundlosen Optimismus endlich fahren lassen und erkennen, dass unser Gejammer nur eine klarere Sicht auf die Welt bedeutet. Denn, wie es der Chaos-Computerclub-Sprecher Frank Rieger ausdrückt: "Knowledge Brings Fear." Optimisten, meint das, haben nur einfach nicht genug Informationen. Man kann das komplizierter sagen wie der amerikanische Sozialpsychologe Martin Seligman, der in Experimenten herausfand, "dass nichtdepressive Menschen die Wirklichkeit zu ihren Gunsten entstellen und depressive Menschen die Wirklichkeit korrekt wahrnehmen". Oder man kann es simpler formulieren wie das deutsche Sprichwort, das sagt: Pessimisten sind Optimisten mit mehr Erfahrung.

Und Erfahrung haben wir. Wenn es um Angst geht, macht uns niemand etwas vor. Wir Deutsche wissen, wie man Angst und Schrecken verbreitet und wir wissen, wie man sich gründlich ängstigt. Wir haben mit Arthur Schopenhauer "den größten Philosophen des Pessimismus" hervorgebracht, wie es im Focus mal hieß, und wir haben einen reichen Wortschatz, wenn es um unser liebstes Gefühl geht: Abstiegsangst, Beziehungsangst, Existenzangst, Flugangst, Fremdenangst, Leistungsangst, Prüfungsangst, Sozialangst, Terrorangst, Todesangst, Versagensangst – generalisierte Angst, Angst vor der Angst.

Unser gesamtes Staatswesen ist darauf aufgebaut, auf Vorsorge und Versicherung, auf Versorgung und grenzenlose Sicherheit. Das liebste Spiel unserer Regierung ist es, uns noch mehr Angst zu machen, beispielsweise mit den vier Reitern der informationstechnischen Apokalypse, wie sie der Sicherheitsexperte Bruce Schneier nennt: Terroristen, Drogendealer, Kidnapper und Kinderpornografen. Mit ihnen lässt sich jedes Gesetz verkaufen. Und wir kaufen gern und lassen uns gruseln und wählen unsere Sicherheitspolitiker (sic!) immer wieder.

Es geht nicht um Furcht vor irgendwas oder um Panik. Furcht hat eine konkrete Ursache, eine Quelle – Panik dagegen ist lautes Kreischen und hektisches Herumgerenne. Nein, wir fürchten nichts und wir geraten nicht in Panik. Wir haben Angst. Uns begleitet dieses schauerliche, aber irgendwie auch beruhigende Gefühl, dass alles schiefgehen kann, dass nichts wirklich sicher, nichts wirklich großartig ist.

1992 wurden Kassenpatienten hierzulande für 1,472 Milliarden DM (752 Millionen Euro) Psychopharmaka verschrieben, sechs Jahre später waren es bereits 1,784 Milliarden DM (912 Millionen Euro) und im Jahr 2003 1,7 Milliarden Euro. Die Zahl ist inzwischen sicher nicht gesunken. Dabei hat sich der "Angstindex" in dieser Zeit kaum verändert, zumindest wenn man der Langzeitstudie "Die Ängste der Deutschen" (PDF) glauben mag. Er blieb immer auf ungefähr dem gleichen Niveau.