Am Sonntag wurde die EU-Haushaltskommissarin Dalia Grybauskaite neue Präsidentin Litauens. Dem einstigen Pariser Weltblatt Le Monde war dieses Ereignis gerade einmal neun Zeilen wert, so viel, wie man den flämischen Bürgermeistern vor der Europawahl reservierte. Einmal mehr zeigte sich: Wenn sich bei westlichen EU-Mitgliedern der Blick auf die östlichen Partner richtet, dann verengt sich dieser auch nach fünf Jahren der Gemeinsamkeit allzu oft auf einen winzigen Sehschlitz.

Vor zwanzig Jahren wurde dieses Europa mit dem Ende des Sowjetimperiums für Polen und Ungarn, Balten oder Bulgaren eine Chiffre für Freiheit, Offenheit, Zukunft. Und heute? Ein zerplatzter Traum.

Diese Entwicklung ist gewiss nicht allein der Gleichgültigkeit des alten Europas gegenüber dem Neuen anzukreiden. Manche Hoffnung war einfach überspannt, gleichzeitig verführten Wachstumszahlen in chinesischen Größenordnungen die Neulinge: Sie glaubten unverwundbar zu sein und wähnten sich auf der sicheren Siegerseite der Geschichte, endlich einmal, nach den Albträumen des 20. Jahrhunderts. Siebzig, sechzig, zwanzig, lautet zwischen Adria und Ostsee, zwischen Szczecin und Constanta der Zählreim der Erinnerung – vor siebzig Jahren der Überfall durch Nazideutschland, vor sechzig Jahren die eiserne Faust des Sowjetkommunismus, und dann vor zwanzig Jahren endlich Freiheit, Freiheit, und Europa.

Doch heute? Präsidentin Grybauskaite sieht ihr Land im freien Fall. Um voraussichtlich fast 14 Prozent wird das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr abstürzen. Wie bei anderen EU-Neulingen zieht sich im Sturm der Weltwirtschaftskrise das ausländische Kapital eiligst zurück, gemeinsame Vorhaben fallen wie die Kartenhäuser in sich zusammen. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), als EU-Bank zuständig für die Entwicklung der Erweiterungsländer, prognostiziert jetzt einen Wachstumsrückgang um durchschnittlich fünf Prozent, Anfang des Jahres hatten sich die Londoner Experten trotz Krise noch ein leichtes Wachstum erhofft.

Polen, Ungarn und Bulgaren würden deshalb lieber heute als morgen im vermeintlich sicheren Hafen des Euro Zuflucht suchen. Der Weltwährungsfonds in Washington bestärkt sie in ihrem Kurs. Andere warnen, es sei illusorisch, sich nur davon die Rettung vor Kapitalabflüssen, Massenarbeitslosigkeit, Staatsverschuldung zu erhoffen.

Und vor den Europawahlen machen sich im Osten die Populisten begründete Hoffnung auf einen ganz starken Auftritt. In Ungarn, Tschechien, Slowakei, Bulgarien bestimmt der rechte Rand die Debatten (zugegeben, aus Österreich, den Niederlanden oder dem Vereinigten Königreich hört man auch markige Töne, aber davon ein andermal).

Verloren geht den Neulingen die Zuversicht, die Moral, und erst in zweiter Linie so mancher Wohlstandsgewinn der vergangenen Jahre. Vor allem die Mittelschicht, auch der agile Mittelstand hat – wie hierzulande, ach je – an der Börse investiert und sich dort verspekuliert. Ökonomen mögen sich und andere damit trösten, dass die Wirtschaftsstrukturen gerade dank der EU-Mitgliedschaft nachhaltig modernisiert worden sind und in der Krise zwar lädiert, aber wohl nicht zerstört werden: Die Wahrnehmung in unseren Partnerländern ist eine andere.

Und die Wahrnehmung diesseits von Oder und Eger ist eine gefährlich kurzsichtige. Dort wird noch allzu oft zwischen Wir und Die unterschieden. Dabei gibt diese Europäische Union nur noch als Gemeinschaft der 27, mitgegangen, mit gefangen. "Die" sind auch wir, so sind die auf Solidarität der Eigeninteressen geeichten Spielregeln der EU nun einmal. Neun Zeilen über eine Welt hinter den sieben Bergen, von den sieben Zwergen sind daher ebenso ein Zeichen der Arroganz wie der Ignoranz. Wünschen wir Grybauskaite in unserem eigenen Interesse darum eine feste Hand, viel Glück und Erfolg.